Starkes Gefühl von Nächstenliebe

"Der Fischer-Knab ist unser Bademeister." Das war eine dieser herzlich gemeinten Stereotype, mit der das Schwesternteam im Ludwig-Frank-Haus jeden Morgen meinen Tagesablauf bestimmten. Der Dienst auf der Pflegestation begann für mich tagein tagaus mit der Körperpflege der Heimbewohner. Damals, zwischen Januar 1977 und Sommer 1978, bedeutete dies noch schwere körperliche Arbeit, denn im Baderaum war keine Technik vorhanden, um den alten Menschen von Bett oder Rollstuhl bequem in die Wanne zu helfen. Also musste der kräftig gebaute Zivi ran. Dass ich, ein Jüngling im zarten Alter von 19 Jahren, bis dato nur die Klassifizierung von Menschen in Männli, Wiibli und Lohrer kannte, war schnell Geschichte. Ich lernte alte Menschen mit ihren Gebrechen und mit all ihrer Scham vor einem jungen Menschen kennen, dem sie sich beim Bade ebenso herzlich wie hilflos auslieferten. Doch in den Tagen und Monaten wuchsen in solchen Minuten Vertrauen und Vertrautheiten – und ein Gefühl, das wohl am vortrefflichsten mit Worten wie Nächstenliebe oder Liebe zu Menschen beschrieben werden kann. Und wie bewegt war ich, dass mir einst wildfremde und misstrauische alte Menschen sich nun meinen Besuch an freien Nachmittagen an ihrem Bett oder auf ihrem Zimmer wünschten. Zeit zu haben, sich Zeit für sie zu nehmen, das schien für die Bewohner des Hauses das höchste Gut. In solchen Augenblicken wusste ich, warum ich mich dem Dienst an der Waffe verweigert, warum ich mich auf diese Prozedur vor der Prüfungskammer im Kreiswehrersatzamt in Offenburgeingelassen hatte, um als "Verweigerer" anerkannt zu werden. Zur Erinnerung an die Zivi-Zeit im Ludwig-Frank-Haus zählt allerdings bis heute noch ein weiteres,starkes Gefühl: Ich hatte dort meine erste Begegnung mit Regina. Ein paar Jahre später wurde sie meine Frau.



Der Autor leistete zwischen 1977 und 1978 Zivildienst im Ludwig-Frank-Haus der AWO in Lahr.

von Klaus Fischer
am Sa, 09. April 2011

Badens beste Erlebnisse