US-Medizintechnikhersteller

Stryker investiert 19 Millionen Euro in neues Innovationszentrum am Standort Freiburg

Stryker investiert Millionen in die Hochlohnregion Südbaden. Es entsteht ein neues Innovationszentrum. Dabei hatte es vor Jahren um die Innovation in Freiburg nicht zum Besten gestanden.

Der US-Medizintechnikhersteller Stryker investiert rund 20 Millionen Dollar (18,8 Millionen Euro) in der Hochlohnregion Südbaden. Der börsennotierte Konzern nutzt das Geld, um ein neues Innovationszentrum in Freiburg zu bauen. Das Breisgauer Werk hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt und zählt zu den produktivsten Standorten im globalen Stryker-Verbund. Heute, Freitag, findet der Spatenstich für das neue Gebäude im Industriegebiet Haid statt.

Beim Wikinger-Häuptlingssohn Wiki aus der Zeichentrickserie Wiki und die starken Männer ging alles einfach: Einmal kurz an der Nase reiben und da war die Idee. Mit seinen Einfällen rettete Wiki, sich und die übrigen Wikinger aus Flake selbst aus den misslichsten Lagen.

Der Markt muss Hurra schreien

So mühelos wie im Kinderfilm-Klassiker funktioniert die erfolgreichen Ideengebung in einer modernen Volkswirtschaft allerdings nicht: Innovation braucht "Zeit, Geduld und Geld", hat das frühere Endress+Hauser-Vorstandsmiglied Dieter Schaudel einmal gesagt. Dabei macht die gute Idee nur einen Teil einer Innovation aus. Zur Innovation wird das neue oder verbesserte Produkt nur, "wenn am Ende auch der Markt Hurra schreit", lautet Schaudels Fazit.

Das sieht Amir Sarvestani genauso. Der promovierte Physiker arbeitet seit 15 Jahren für Stryker und ist mittlerweile verantwortlich für die Forschung und Entwicklung im südbadischen Werk. Der Mann mit iranischen Wurzeln ist ziemlich offen. Vor rund sechs Jahren sei es um die Innovation in Freiburg nicht zum Besten gestanden. Innovationen hätten im Vergleich zur Konkurrenz wesentlich länger gebraucht. Für die Freiburger Stryker-Mannschaft Anlass, den Innovationsprozess genau unter die Lupe zu nehmen und zu verändern, sagt Sarvestani.

Investition ist nicht selbstverständlich

Seither hat sich viel getan. So viel, dass sich die Stryker-Zentrale in Kalamazoo im US-Bundesstaat Michigan entschloss, die stattliche Summe von 20 Millionen Dollar in den Südwesten Deutschlands fließen zu lassen. Das ist nicht selbstverständlich: Börsennotierte Unternehmen stehen unter einem hohen Druck. Investoren wie Pensionsfonds für die Altersvorsorge verlangen eine hohe Verzinsung ihres Kapitals. In Michigan wird also genau überlegt, wo Millionen investiert werden. Freiburg steht im Wettbewerb mit anderen Stryker-Werken.

Sarvestani unterscheidet zwischen technologie- und marktgetriebenen Innovationen. Im ersten Fall führt technischer Fortschritt wie zum Beispiel eine höhere Rechnerleistung oder eine schnellere Datenübertragung zu neuen Möglichkeiten. Auf dieser Basis können leistungsfähigere Geräte an den Markt gebracht werden – vorausgesetzt es gibt kluge Köpfe, die die Vorteile der neuen Technik erkennen und sie auf die Stryker-Produktpalette anwenden. Ein Beispiel dafür sind die Navigationssysteme aus Freiburg. Sie helfen dem Arzt, seine Instrumente präzise im Körper des Patienten zu bewegen. Die marktgetriebene Innovation folgt aus Kundenbedürfnissen und dem Wettbewerb. Bieten Konkurrenten neue Technik an, muss Stryker mitziehen, um keine Marktanteile zu verlieren.

"Die Umgebung, in der die Menschen arbeiten, spielt eine zentrale Rolle" Amir Sarvestani
Jede neue Idee für ein Produkt muss drei Fragen standhalten, sagt Sarvestani: Ist sie technisch umsetzbar? Nützt sie dem Patienten? Kann das Unternehmen Geld damit verdienen? Nur wenn am Ende überall ein "Ja" steht, wird der neue Ansatz weiterverfolgt. Die Innovationsteams sind gemischt: Experten aus der Entwicklung, der Produktion und dem Vertrieb sitzen an einem Tisch.

Sarvestani hat aus seinen Erfahrungen den Schluss gezogen, dass Innovation mehr ist als nur eine Frage der richtigen Organisationsstruktur. "Die Umgebung, in der die Menschen arbeiten, spielt eine zentrale Rolle", sagt er. Deshalb hat Stryker die Mitarbeiter in die Planungen für den Neubau miteinbezogen. Die Schreibtische, an denen ungestört und sehr konzentriert gearbeitet werden soll, befinden sich an den Rändern des viereckigen Glasbaus. Wer Gesprächsbedarf hat, diskutiert im Innern des Gebäudes mit seinen Kollegen. Der Entwicklungschef spricht von einem "Open Space"-Ansatz – möglichst offenen Räumlichkeiten, die für viel Transparenz sorgen sollen.

Ein Operationssaal ist das Herz des Innovationszentrums

"Das Produkt muss im Zentrum stehen", war ein weiterer Leitsatz bei der Konzeption, sagt Sarvestani. So bildet ein Operationssaal das Herz des Innovationszentrums. Er soll sicherstellen, dass ein Produkt nicht an den Bedürfnissen der Anwender vorbei entwickelt wird. Im OP können sich Ärzte mit den Stryker-Mitarbeitern treffen, um in einer dem Alltag nachempfundenen Atmosphäre über die Lösung von Problemen zu diskutieren. Bei der Planung hat sich das Unternehmen auf das Münchner Architekturbüro Henn verlassen. Es hat bereits Innovationszentren entworfen – unter anderem für den Autobauer BMW.

Der südbadische IG-Metall-Chef Marco Sprengler begrüßt die Millioneninvestition des US-Konzerns: "Das ist ohne Zweifel eine Stärkung des Standorts Freiburg." Allerdings wünscht er sich, dass Stryker in Zukunft den Regeln des Flächentarifvertrages folgt. "Die Entlohnung ist nicht zeitgemäß", sagt der Gewerkschaftsmann.

Fachkräfte an die Firma binden

Werkleiter Christoph Gerber sieht das nicht so. "Stryker zahlt leistungsorientiert und unterstützt die Mitarbeiter in vielen sozialen Belangen." Wäre dem nicht so, könnte das Unternehmen gar nicht jene Fachkräfte an sich binden, die es brauche, sagt er. Es ist ihm bekannt, dass die IG Metall gerne den Flächentarifvertrag gehabt hätte. Der Standort Freiburg habe sich jedoch nach ausführlicher Beratung mit Belegschaft und Betriebsrat für das bei Stryker weltweit etablierte "Global Job Framework" entschieden. Das bringe in der globalen Vernetzung, in der Stryker tätig ist, für den Standort und die Mitarbeiter Vorteile.

Gerber ist überzeugt, dass der Freiburger Standort mit dem Neubau seine Stärken noch besser ausspielen kann. Dazu zählen nach seiner Meinung die Verbindung von Elektronik und Präzisionsmechanik sowie ein enormer Variantenreichtum. "Wir haben all die Eigenschaften, die auch andere erfolgreiche südbadische Unternehmen auszeichnen", sagt Gerber. Aus Freiburg stammen beispielsweise Schrauben und Platten für Brüche und Implantate für die Schädeldecke, die nach Schlaganfällen eingesetzt werden.

8700 Produkte stellt die Freiburger Mannschaft her. Mit 760 Mitarbeitern beschäftigt das Unternehmen rund zehn Prozent seiner europäischen Belegschaft in Südbaden. 1990, als das Freiburger Werk noch nicht zu Stryker gehörte, waren es 150. Konzernweit erzielt Stryker einen Umsatz von zehn Milliarden Dollar und beschäftigt 27.000 Menschen.

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von Bernd Kramer
am Fr, 02. Dezember 2016 um 09:57 Uhr

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