Ingenieure

Stryker schickt seine Leute zu Live-OPs

180 Stryker-Mitarbeiter haben eine Live-Operation mit Stryker-Produkten an der Uniklinik mitverfolgt. Die Führungsriege des Unternehmens wird derweil nach Amsterdam verlagert.

Am Standort Freiburg des US-Konzerns Stryker im Gewerbegebiet Haid sind die Dinge in Bewegung. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren durch rasantes Wachstum beim Ergebnis und der Beschäftigtenzahl ausgezeichnet. Nun muss wohl das Topmanagement nach Amsterdam umziehen. Dort entsteht ein neues Europa-Hauptquartier. Für Freiburg soll sich aber im Großen und Ganzen sonst nichts ändern.

Bewegt waren am Freitag auch die rund 180 Stryker-Mitarbeiter, die eine Live-Operation mit Stryker-Produkten an der Uniklinik mitverfolgten.

"Falls es Ihnen schwummrig wird, finden Sie die Ausgänge auf beiden Seiten – das kann schon mal vorkommen", so lauten die letzten warnenden Worte von Ralf Gutwald, leitender Oberarzt an der an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Uniklinikums, bevor die Übertragung aus dem OP-Saal beginnt. Denn vor ihm, in den Reihen des klinikeigenen Hörsaals sitzen an diesem Freitagmorgen keine Medizinstudenten, sondern Ingenieure, CNC-Spezialisten und kaufmännische Angestellte der Firma Stryker. Deren täglich Brot sind zwar genau jene Titanimplantate, die gleich zum Einsatz kommen, aber die Live-Übertragung eines zweistündigen chirurgischen Eingriffs in Großformat ist doch nochmal etwas ganz anderes als die Arbeit im Labor, in der Produktionslinie oder im Büro einer Medizintechnikfirma.

Stryker Freiburg stellt 180 seiner 700 Mitarbeiter einen halben Tag lang frei und sorgt für den Transport und die Verpflegung, damit diese der Operation beiwohnen können.

Ralf Gutwald hat anhand eingeblendeter Abbildungen aus dem Lehrbuch bereits erläutert, wie die Korrektur der Kieferfehlstellung des etwa 30-jährigen Mannes ablaufen wird. Dann kommt an der Stirnwand des Hörsaals Oberarzt Marc Christian Metzger ins Bild – in hoch aufgelöster Projektion. Der Mediziner macht sich gemeinsam mit seinem Team im Operationssaal sofort daran, die Progenie, den viel zu weit nach vorn ragenden Unterkiefer, des narkotisierten Patienten zu beheben – mit Hilfe des Skalpells, eines Ultraschallschneiders, eines Meißels und schließlich speziell konstruierter filigraner Titanimplantate aus dem Hause Stryker.

Die ganze OP wird mittels mehrerer Kameras eingefangen und in den Hörsaal übertragen, laufend kommentiert von Metzger und Gutwald. Die Mundhöhle des Patienten wirkt durch die Projektion groß wie eine Garageneinfahrt. Das nicht ganz unblutige Geschehen, das Aufklappen des Gewebes, das Durchtrennen des Kieferknochens, das Freilegen des Nervs, die Neuausrichtung des Gebisses und schließlich das Verschrauben der Implantate, das lässt so manchen im Publikum schlucken – aber alle hängen wie gebannt an der Übertragung.

Je länger die OP läuft, desto mehr wird gefragt

Je länger die OP läuft, desto mehr beginnen die Stryker-Leute die Ärzte der Uniklinik, also ihre Kunden, mit Fragen zu löchern. Wieso der Ablauf so ist und nicht anders? Wie es mit dem Entzündungsrisiko aussieht? Welche Alternativverfahren und -produkte es gibt? Welche Risiken drohen? Was der Eingriff kostet? Wie oft er vorgenommen wird? "Es war unglaublich spannend", sagt dazu hinterher Nadine Grote, die bei Stryker in der Produktentwicklung tätig ist. "Mir ist nun noch viel klarer, welche Bedürfnisse und Ansprüche die Ärzte und Patienten haben." Dass auch Metzger und Gutwald ein gewisses Vergnügen an der Vorführung haben, ist offenkundig.

Weltweit 22.000 Beschäftigte

"Wir haben mit den Live-OPs 2010 begonnen – und werden sie zusammen mit der Uniklinik fortsetzen", sagt Michael Braun, Pressesprecher bei Stryker. Denn sie seien ungemein lehrreich, aber auch motivierend. "Und sie fördern die Identifikation", sagt Braun. Das kann nicht schaden – auf Stryker in Freiburg kommen nämlich Veränderungen zu: Im dritten Quartal soll in Amsterdam eine neue Europa-Zentrale an den Start gehen. Dann könnten auch einzelne Freiburger Führungskräfte umziehen müssen. Die Details würden derzeit noch geklärt. "Für die Produktion und Entwicklung hier wird sich aber gar nichts ändern", so Braun. Freiburg ist einer von mehreren Standorten des US-Konzerns Stryker in Europa. Die Firmengruppe hat weltweit 22000 Beschäftigte und erzielte 2012 einen Umsatz von 6,7 Milliarden Euro. Freiburg allein schaffte 170 Millionen Euro – außer mit Titanimplantaten vor allem auch mit OP-Navigationssystemen.
von Holger Schindler
am Di, 18. Februar 2014 um 00:00 Uhr

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