BZ-Serie "Selbermachen" (Teil 2)

Upcycling: Reste und Abfall kreativ aufwerten

Schmuck aus Kaffeekapseln,Taschen aus alten Fahrradschläuchen: Aus vermeintlich wertlosem Müll lässt sich mit guten Ideen etwas Neues machen – und auch Geld verdienen.

Was die einen wegwerfen, ist für die anderen wertvolles Material: Schlappe Fahrradschläuche, benutzte Kaffeekapseln, Holzpaletten mit Macken, zerkratzte Vinylschallplatten, alte Plastikschlappen, verschlissene Bettlaken oder bunte Plastiktüten – aus vermeintlich wertlosen und ausgedienten Produkten lässt sich mit guten Ideen und etwas Geschick etwas Neues machen. Upcycling nennt sich dieser Veredelungsprozess – Resteverwertung klingt wohl zu wenig hip.

In Entwicklungsländern ist derlei ein alter Hut – als Notlösung, nicht als teure Designobjekte. Mit aufgepimpten Resten lässt sich aber auch in wohlhabenden Ländern Müll in Geld verwandeln.
"Upcycling ist aber nicht die Lösung. So viel Schmuck könnte nicht einmal George Clooney persönlich verkaufen." Lisa Vöhringer

Kaufen, benutzen, wegwerfen – mit dem Dreiklang des modernen Konsumverhaltens wollte sich Lisa Vöhringer, 28, nicht so einfach abfinden. Zugestanden, es war nicht allein die ökologische Vernunft, die sie reizte. Es war auch das Material. 2010 fielen ihr bei einem Kurzurlaub in Berlin Kronkorken auf, die auf dem Asphalt einen bunten Teppich bildeten. Zwei besonders schöne Exemplare nahm sie mit, daraus entstand das erste Paar Ohrringe. Unter dem Namen "Morendo Memoria" (übersetzt heißt dies sterbende Erinnerung) fertigt sie seither Schmuck aus Schraubmuttern oder Kaffeekapseln, Handtaschen und Notizbücher, die mit alten Schallplatten verziert wurden und Täschchen aus alten Fahrradschläuchen. Seit Anfang 2012 ist Upcycling für sie zum Brotberuf geworden: Sie organisiert – mittlerweile im Auftrag der Freiburg Wirtschaft und Touristik – die Messe Freecycle mit in diesem Jahr fast 100 Ausstellern.

Der beste Müll ist der, der gar nicht erst entsteht

Upcycling ist ein Ansatz zum besseren Umgang mit Wertstoffen und Ressourcen. "Upcycling ist aber nicht die Lösung", sagt Lisa Vöhringer, wenn sie an all die bunten, glänzenden Aluminiumkapseln denkt. "So viel Schmuck könnte nicht einmal George Clooney persönlich verkaufen." 4000 Tonnen Aluminium- und Plastikmüll fallen nach Berechnungen der Tageszeitung Die Welt allein in Deutschland durch die Kaffeekapseln an. Der winzige Ohrring aus recyceltem Material ist allenfalls ein Feigenblatt für Nespresso-Fans.

Mit den bunten Milch- und Safttüten sieht es nicht besser aus – irgendwann sind alle Freundinnen und Bekannte mit selbst gebastelten Kosmetiktäschchen versorgt. Der beste Müll, das weiß auch Lisa Vöhringer, ist der, der gar nicht erst entsteht. Deutschland ist Recycling-Weltmeister: 70 Prozent des Abfalls werden wiederverwertet. Doch beim Recycling wird viel Energie verbraucht, am Ende ist das Produkt allenfalls gleich oder sogar weniger wert als das Material, aus dem es hergestellt wurde. Upcycling setzt auf Veredelung, ohne den Müll vorher zu zerschreddern oder einzuschmelzen.

Es gibt noch eine zweite Erklärung für den Upcycling-Boom: In einer Gesellschaft, in der fast jeder alles kaufen kann, ist eine Sehnsucht entstanden nach Dingen, die es so nur einmal gibt und die eine Geschichte erzählen. Nach Materialien mit Geschichte. Nach Produkten mit Patina und Provenienz, mit Ecken und Kanten.

Taschen aus gebrauchten Lastwagenplanen sind teurer als neue Ware

Zu den erfolgreichsten Pionieren der Reste-Aufwert-Bewegung gehören die Schweizer Brüder Markus und Daniel Freitag: Vor 22 Jahren schneiderten sie ihre erste Kuriertasche aus einer alten Lastwagenplane – wasserdicht, robust, zeitlos. Heute stehen die (zigfach kopierten) Taschen als Designklassiker in Museen in New York und Zürich. Freitag wurde zu einer international bekannten Marke, das Ursprungsmodell F 13 Top Cat wird bis heute verkauft. Die kuriose Folge: Gebrauchte Lastwagenplanen mit interessantem Aufdruck werden mittlerweile teurer gehandelt als fabrikneue Ware.

So ähnlich könnte es auch den gebrauchten Turnmatten und dem speckigen Leder von Turngeräten gehen, die, verwandelt zu Taschen, in der Kollektion Zirkeltraining für teures Geld verkauft werden. Wer es lieber exotisch mag, entscheidet sich für Zement- oder Fischfuttersäcke aus Fernost.

Unikate, die sich von der Masse abheben? Produkte mit dem Hauch von Einzigartigkeit? Angesichts der Flut von Handtaschen, Gürteln und Portemonnaies aus alten Fahrradschläuchen, angesichts der Stapel von Obstschalen aus gebogenen Schallplatten, darf die These, dass die Kreativität der Upcycler keine Grenzen kennt, ein wenig bezweifelt werden.

Nur wenige Upcycler können von ihren Designobjekten leben

Das liegt auch daran, dass ungewöhnliches Material selten geworden ist. "Fahrradschläuche bekomme ich bei jedem Händler in die Hand gedrückt. Altglas und Kronkorken sind überall zu erhalten", erklärt Lisa Vöhringer. "An ausgediente Brandschutzkleidung der Feuerwehr zu kommen, ist schon sehr viel schwieriger. Europaletten sind sehr teuer geworden."

Auch wenn es viele Materialen für ’n Appel und ’n Ei gibt – die Suche nach den Bezugsquellen und die Verarbeitung ist aufwendig. "Besorgen, zweimal waschen, trocknen, zu einem Stück zusammennähen", listet Lisa Vöhringer die Arbeitsschritte auf. "Und dann bekommen wir noch zu hören: Jetzt verkaufen die schon den Müll und wollen auch noch Geld dafür."

Von ihren Designobjekten können nur wenig Upcycler leben. Die Konkurrenz ist groß, die ständig wachsende Do-it-yourself-Bewegung drückt den Preis, Upcycling ist eine Nische in einer Nische. Hinzu kommt: Wer sich einen Namen gemacht hat, kann größere Aufträge mangels Kapazität oft nicht annehmen. Ideenklau sei gang und gäbe, klagt Lisa Vöhringer. Instagram, die digitale Pinnwand Pinterest und Co machen es möglich.

Von der Resterampe zum Designklassiker

Nicht alles, was unter dem Label "eigenes Design und selbstgemacht" verkauft wird, stammt wirklich aus einer Manufaktur. Die Verführung, Billigschmuck aus China einzukaufen und mit wenigen Handgriffen zu verzieren, sei angesichts der gewaltigen Margen groß, plaudert die Branchenkennerin aus dem Nähkästchen. Auch wenn es um das Aufbereiten und Weiterverarbeiten von alten, scheinbar wertlosen Produkten und Materialien und Nachhaltigkeit geht, dem Zeitgeist kann auch die Upcycling-Szene nicht aus dem Weg gehen: "Es gibt Trends, die muss man beachten", verrät Lisa Vöhringer. Deshalb sind die Nespresso-Ohrringe bei "Morendo Memoria" seit Neuestem nicht mehr rund, sondern streng geometrisch. Und die alten Ohrringe? Die werden verschenkt. Oder landen eines Tages doch auf dem Müll.

Im nächten Teil der Serie lesen Sie: Gesunde Schätze aus dem Beet – Kräutersalz und Kräuteröl zum Selbermachen.

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von Petra Kistler
am Mo, 14. September 2015 um 09:50 Uhr

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