Serie "Entspannung durch Bewegung"

Tai-Chi: Die Suche nach dem Glück

Tai-Chi ist eine der bekanntesten meditativen Übungsformen aus China – aber was heißt das eigentlich?

Tai Chi Chuan ist Kampfkunst, kein Kampfsport. Das ist Michael Konarkowski, Tai-Chi-Chuan-Lehrer, besonders wichtig. "Kunst sucht nach Kunstfertigkeit. Im Tai Chi werden die Grenzen nicht durch Regeln vorgegeben, sondern ausgelotet durch Respekt," erklärt er.

Zum Tai Chi ist Konarkowski auf Umwegen gekommen. Zwei Monate verbrachte er kurz vor seinem Studienabschluss in Mathe und Physik in der Wüste Marokkos. "Nach meiner Rückkehr konnte ich mich nicht mehr einordnen", erinnert sich der 51-Jährige. "Ich sprach mit meinem Professor über meine Abschlussarbeit, im Anschluss daran nahm ich eine Gartenschaufel und grub den Garten um. Am nächsten Tag exmatrikulierte ich mich." Ein radikaler Schnitt. Es folgten Jobs als Taxifahrer und Musiker sowie eine Reise nach Indien. Hier sollte Konarkowski das erste Mal dem Tai Chi begegnen. "Ich wartete auf eine Audienz beim Dalai Lama. Und jeden Morgen sah ich einen Engländer merkwürdige Bewegungen machen", sagt der passionierte Lehrer. Nach einigen Tagen entschloss er sich, dem Engländer Gesellschaft zu leisten. Ungelenk seien seine Bewegungen gewesen, er sei kaum bis an seine Knie gekommen. Doch auf dem Dach der Welt, mitten im Himalaya-Gebirge, fand er seinen Neuanfang – auf dem Dach eines Gästehauses. "Ich konnte sofort spüren, welches Potenzial das Tai Chi hat", beschreibt Michael Konarkowski den Moment vor gut zehn Jahren. "Nicht nur dass es beweglicher macht. Man bewohnt seinen Körper wieder." Eine Veränderung, die er heute auch an seinen Schülern im Freiburger Stadtteil Rieselfeld beobachten kann – das Wiederaufleben.

Im Tai Chi stehen vor allem Bewegungen mit Hüfte und Beinen im Vordergrund, für viele eine neue Erfahrung. Den Körper wieder spüren, dazu gehören manchmal auch Schmerzen. "Oft lagern Menschen ihre Emotionen in ihrem Körper ab, das kann sich zum Beispiel in Rücken- oder Hüftschmerzen äußern. Beginnen sie nun mit Tai Chi, kommen diese Gefühle häufig wieder hoch. Die Auseinandersetzung beginnt von vorne, ganz aktiv oder durch Träume," erklärt er. Konarkowski erinnert sich gut an Frauen, die zum ersten Mal eine Faust bilden sollten und dabei in Tränen ausbrachen. Erfahrungen, die den Menschen sich selbst näher bringen, die die Möglichkeit eröffnen, sich neu kennenzulernen und über sich hinaus zu wachsen. Training bietet Konarowski an, Beratung allerdings nicht: "Wenn jemand reden möchte, dann bin ich da. Ich möchte aber kein Geld damit machen, einem Menschen zuzuhören."

Mit ebenso ruhiger Stimme wie, wenn er erzählt, führt er seine Schüler durch die Stunde. Er legt die Hand auf den Rücken, um Bewegungen zu korrigieren, oder führt die Formen, wie die Abläufe im Tai Chi heißen, noch einmal vor. Dabei ist er selten um einen Witz verlegen. "Philosophie kann man nicht mit dem Löffel verabreichen", sagt er und lacht. "Wir bewegen uns hier fernab von Glauben und Dogmen. Ich möchte meine Schüler ermuntern, sich selbst zu hinterfragen." Eine Tugend, die er selbst bei seinem Lehrer schätzen lernte. Ma Tsun-Kuen heißt dieser und lebt vorwiegend in Spanien. Michael Konarkowski trifft ihn in Deutschland, Spanien oder den Niederlanden. "Ich bin selbst schließlich auch noch Schüler."

In seinen Kursen lege er besonders viel Wert auf Partnerübungen, erklärt Konarowski. Denn: "Erst dann merkt man auch, wie man selbst tickt." Bei den meisten Tai-Chi-Kursen stehen Partnerübungen erst nach mehreren Jahren auf dem Kursplan. Doch was bringt Tai Chi für das Leben außerhalb des Übungsraumes? "Gelassenheit und Glück", sagt er und strahlt. "Ich kann Schlechtes besser akzeptieren und mich über Gutes leichter freuen."

Hintergrund:Die Berge der Mysterien

Die Wudang-Berge, eine Region im Nordwesten Chinas, heißen übersetzt Berge der Mysterien. Dort soll der Mönch Zhang Sanfeng um 1000 nach Christus den Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich beobachtet haben. Der Legende nach versuchte der Kranich, die Schlange zu töten. Diese wich aber so geschickt aus, dass der Kranich erschöpft aufgab. Daraus entwickelte der Mönch die weiche Kampfkunst – Tai-Chi-Chuan. Es ist der Gegensatz zu harten Kampfkünsten wie dem Shaolin Kung-Fu, das vor allem den Körper stählen soll. Bei weichen Kampfkünsten kommt die Härte aus dem Innern des Menschen. Ob Zhang Sanfeng wirklich 200 Jahre alt wurde, wie es die Legende weiter erzählt, ist nicht geklärt. Dennoch wird dem Tai Chi bis heute ein lebensverlängernder Effekt zugesprochen.
von Julia Nikschick
am Mi, 04. Januar 2012 um 15:39 Uhr


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