BZ-Serie Wohnungsmarkt (1)

Thomas Hertle fordert mehr Nachverdichtung und ein moralisches Umdenken

Wie kann Freiburg sein Wohnraumproblem lösen? Die neue BZ-Serie mit Gastbeiträgen zum Wohnungsmarkt läutet Thomas Hertle ein. Er fordert zum Auftakt auch ungewöhnliche Lösungen – und hat Ideen.

Nach Fertigstellung der beiden Stadtteile Vauban und Rieselfeld hatte sich der Wohnungsmarkt entspannt, und es war für jeden möglich eine bezahlbare Wohnung zu finden. Im Jahr 2010 wendete sich das Blatt. Dass Freiburg weiter so stark gewachsen ist, schien wohl für Verwaltung und Politik nicht absehbar. Das Gespann Baubürgermeister Haag/Stadtplanungschef Jerusalem arbeitet die Versäumnisse offenbar auf.


Fakt ist, dass es immer schwieriger wird für Mieter und Käufer, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Gerade Familien mit Kindern oder Menschen mit Hunden leiden am meisten unter der Situation. Je geringer das Einkommen, umso schwieriger wird die Suche. Viele Wohnungen werden unter der Hand, innerhalb des Bekanntenkreises vergeben. Auch die Baugenossenschaften als ideale Vermieter haben mittlerweile Wartezeiten von mindestens vier Jahren. Die Lage wird sich weiter zuspitzen und wohl Zustände wie Ende der 80er Jahre erreichen.

In den 90er Jahren war es in Vauban und Rieselfeld möglich, auf relativ preiswertem Grund bei moderaten Baupreise Wohnräume zu schaffen, die kaum 2 500 Euro pro Quadratmeter kosteten. Mittlerweile ist das mit 3 500 Euro kaum zu machen.

Der Bau- und Wirtschaftsboom sowie einige neue gesetzliche Vorgaben haben die Preise in die Höhe getrieben. Dazu kommen die äußerst niedrigen Hypothekenzinsen, was vermehrt Menschen zur Kaufentscheidung bewegt und somit potenzielle Mietwohnungen vom Markt verschwinden.

Eine kurzfristige Lösung liegt in der Nachverdichtung:

  • Durch Nutzung entsprechender innerstädtischer Grundstücke wie zum Beispiel beim Finanzamt (die BZ berichtete). Und was ist eigentlich mit der Justizvollzugsanstalt? Muss diese in bester Wohnlage sein?
  • Aufstockung von Flachdächern und Aufbauten mit leichten Holzkonstruktionen und/oder Speicherausbau bestehender städtischer und Genossenschaftsgebäude, aber auch bei privaten Eigentümergemeinschaften, unterstützt durch besondere Beratungs- und Genehmigungsverfahren.
  • Wettbewerbe ausschreiben, wo und wie weitere Flächen innerhalb der Stadt ökologisch UND ökonomisch nachverdichtet werden können.
  • Innerstädtische Neubaugebiete wie der alte Güterbahnhof könnten auch mit Hochhäusern bebaut werden. Diese Bauform erfährt seit Jahren in Metropolen eine Renaissance.
  • Mobile Wohnformen für temporäre Zwischennutzung von freien Grundstücken fördern und nicht verbieten, wie es bei den Wagenburgen oft geschieht. Es gibt schon preisgünstige Containergebäude, die solch einer Nutzung markttauglich gemacht haben.
Ebenso könnte eine moralische Überzeugung geschaffen werden, um Menschen davon abzubringen, mehr als 60 oder 70 Quadratmeter pro Kopf zu bewohnen. Der Landesdurchschnitt liegt bei circa 45, in Freiburg bei circa 35.

Außerdem müssen Leerstand oder Zweckentfremdung von Wohnraum zeitnah und streng bestraft werden. Gemeinschaftliche Wohnformen, die eine effektivere Flächennutzung schaffen würden, sind kaum bekannt oder scheitern oft an einer Umsetzung. Hier könnten neu zu schaffende städtische Stellen nachhelfen. Grundsätzlich braucht die Bauverwaltung mehr und motivierteres Personal, um an dieser wichtigen Schnittstelle schneller und besser zu unterstützen.

Ich bin gespannt, wie kreativ sich die Stadt in nächster Zeit zeigen wird, und wie sich die Marktlage in den nächsten zehn Jahren verändern wird.

Thomas Hertle

Der Autor, 48, ist seit 1988 Immobilienmakler und -berater in Freiburg, Geschäftsführer der Home-Company Hertle Immobilien GmbH.

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von bz
am Mo, 15. Juni 2015 um 08:22 Uhr

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