BZ-Serie Wohnungsmarkt (5)

Tilmann Knittel sieht Stadtwachstum als Chance

"Für die nächsten 15 Jahre ist keine Entspannung in Sicht." – Das sagt Tilmann Knittel von der Basler Beratungsfirma Prognos über den Wohnungsmarkt in Freiburg. Er mahnt, dass Stadtentwicklung Zeit braucht.

Freiburg hat den Zuzug und das Bevölkerungswachstum in den vergangenen Jahren deutlich unterschätzt. Nur so konnte der gegenwärtige immense Druck im Wohnungsmarkt entstehen, der auch in Zukunft anhalten wird – für die nächsten 15 Jahre ist keine Entspannung in Sicht. Die aktuell geplanten oder diskutierten Baumaßnahmen kommen zum einen zu spät, und zum anderen sind sie nicht ausreichend für eine wirkliche Entlastung.


Selbst wenn sämtliche nach heutiger Sicht verfügbaren Bauflächen genutzt werden, geht das Stadtplanungsamt laut Gemeinderatsvorlage noch für das Jahr 2030 von einem "Bedarfsdelta" – also einem Mangel – von rund 5700 Wohnungen aus. Im besten Fall kann durch eine beschleunigte Innenentwicklung und Maßnahmen wie die Verlängerung von Belegungsrechten vermieden werden, dass der Druck ungebremst steigt – zu einer spürbaren Entspannung werden sie nicht führen.

Hinzu kommt, dass ein Ende des Zuzugs nach Freiburg auch für die Zeit nach 2030 – trotz der rückläufigen Geburtenzahlen in Deutschland – nicht zu erwarten ist. Von alleine wird sich der Wohnungsmarkt also nicht entspannen. Es sind vor allem junge Menschen, die für Studium und Ausbildung nach Freiburg ziehen und hier leben bleiben möchten. Ohne ausreichendes Wohnraumangebot werden diese Menschen andere Einwohner verdrängen oder müssen selbst Freiburg den Rücken kehren.

Stadtentwicklung benötigt Zeit: Die Entscheidung, wie der Freiburger Wohnungsmarkt in 20 Jahren aussieht, fällt heute, ob gewollt oder nicht gewollt. Daher müssen die Freiburger Politik, die Verwaltung aber auch die Bürgerinnen und Bürger jetzt die Frage beantworten, wie Freiburg mit dem Wachstumsdruck umgehen will, ob wir um den Preis dauerhafter Wohnungsknappheit das Wachstum beschränken oder ob wir das Wachstum akzeptieren, nutzen und gestalten.

Das heißt aber auch: Im erforderlichen Umfang wird ein Wachstum nur durch den – ohne Frage schwierigen und ökologisch belastenden – Bau weiterer Stadtteile (ausdrücklich in der Mehrzahl) möglich sein.

Ein weiteres Stadtwachstum bietet Freiburg aber auch wichtige Chancen: Durch den Zuzug junger Menschen kann Freiburg auch künftig seine ausgeglichene Bevölkerungsstruktur bewahren, die Folgen des demografischen Wandels abmildern, das vielfältige kulturelle Leben erhalten und seine Attraktivität dauerhaft sichern. Nur durch kontinuierlichen Zuzug und Wachstum in der Vergangenheit ist Freiburg heute so lebenswert, wie es ist. Die hohe Zahl an (jungen) Menschen, die hier leben wollen, ist auch eine große wirtschaftliche Chance. Wegen des zunehmenden Fachkräftemangels in Deutschland werden sich Unternehmen für Gründungen, Ansiedlungen und Erweiterungen mehr und mehr auf die Regionen konzentrieren, wo sie überhaupt noch ausreichend Personal finden.

Die wachsende Bevölkerung bietet Freiburg daher die Chance, seine wirtschaftliche Strukturschwäche zu überwinden.

Wirtschaftliche Stärke ist kein Selbstzweck – sie ist vielmehr die Voraussetzung dafür, dass eine Stadt über ausreichende Einnahmen verfügt, um einen sozialen Ausgleich innerhalb eines angespannten Wohnraummarktes schaffen zu können.

Noch vor neun Jahren sahen sich die Stadtverwaltung und die Mehrheit des Gemeinderats aufgrund des Haushaltsdefizits gezwungen, die Stadtbau GmbH zu verkaufen – was per Bürgerentscheid verhindert wurde. Nur aufgrund der aktuell üppigen Zuweisungen von Bund und Land kann Freiburg gegenwärtig an Maßnahmen wie die Verlängerung von Belegungsrechten oder Auflagen bei der Veräußerung städtischer Flächen denken. Gehen die Zuweisungen von außen bei einer schlechteren gesamtwirtschaftlichen Lage zurück – womit durchaus gerechnet werden muss – wird sich Freiburg ohne eine eigene wachsende Wirtschaft solche sozial ausgleichenden Maßnahmen in Sachen Wohnen nicht mehr leisten können.

Tilmann Knittel

Der Autor, 43, studierte in Freiburg Soziologie, lebt hier und ist als Senior-Projektleiter bei der Basler Wirtschafts- und Politikberatung Prognos im Bereich Familien- und Gesellschaftspolitik tätig.

Termin

Chance Stadtwachstum: Vortrag von Tilmann Knittel am Mittwoch, 1. Juli, 20 Uhr, im BZ-Haus, Bertoldstraße 7, Eintritt frei.

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von bz
am Mo, 29. Juni 2015 um 11:53 Uhr

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