Familien in Südbaden

Tipps, die das Miteinander vereinfachen sollen

Im Familienalltag braucht es oft helfende Hände und Durchhaltevermögen. Familienexperten geben Tipps, die das Miteinander vereinfachen sollen

"Ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen." So hat es uns vor einigen Jahren die stolze Mutter im Werbespot eines Staubsaugerherstellers erzählt. Haushalt, Kinder, Job – da sind nicht nur in der Werbewelt unternehmerische Fähigkeiten gefragt. Die BZ hat einige Experten nach ihren Tipps in Sachen Familienmanagement gefragt.

STRESS UND STREIT MEISTERN

Tipps von Familienberaterin Marie Wiese
Der Familienalltag birgt einige Knackpunkte, die häufig Streit auslösen. Zum Beispiel am Morgen: Die Kinder müssen aus dem Bett, frühstücken, sich für die Schule fertig machen. "Wir müssen uns bewusst sein, dass Kinder einfach sehr viel langsamer sind als Erwachsene und dementsprechend auch am Morgen mehr Zeit brauchen", sagt Marie Wiese. "Machen wir morgens Stress, ziehen Kinder die Handbremse." Die Familienberaterin schlägt vor, Kinder entsprechend früh zu wecken und ihnen so Zeit zum Wachwerden und für ihre Eigenheiten zu geben.

Ebenso sei es direkt nach Schulschluss wichtig, keine Anforderungen an die Kinder zu stellen. "Sie sollten erst einmal eine halbe Stunde haben, in der sie machen können, was sie wollen", sagt Wiese. Steht am Nachmittag ein Termin an, sollten Eltern ihrem Kind Zeit geben, die Beschäftigung, die es gerade macht, zu Ende zu führen. "Ich rufe dann nicht nach meinem Kind, sondern gehe zu ihm und hole es dort ab, wo es gerade ist", sagt Wiese. "Der Familienalltag ist heute stark getaktet. Ich kann Kinder aber nicht immer im Zaum halten." 60 Prozent Struktur, 40 Prozent Freiraum – diese Teilung in der Kindererziehung hält Marie Wiese für sinnvoll.

Ein großer Stressauslöser für viele Mütter sei die Verantwortung, die sie in der Familie tragen. "Sie wollen immer alles perfekt machen. Die Kinder perfekt ernähren, perfekt kleiden", so Wiese. Dem Partner Verantwortung zu übertragen, fiele vielen Müttern schwer. "Sie übernehmen lieber alles selbst, weil sie der Meinung sind, dass ihr Mann es ja doch nicht richtig macht", sagt Wiese. Sie erinnert daran, welchen Preis man für diesen Perfektionismus zahlen muss: Man trägt die alleinige Verantwortung, das ist anstrengend. Kinder, die immer durchschlafen, am Esstisch nicht herumhampeln und über das abendliche Zähneputzen jubeln – die gibt’s nicht. "Wichtig ist, zu wissen, dass es allen so geht." Denn Familien hielten sich oft geschlossen über ihre Schwierigkeiten. "Zwei bis drei große Konflikte und ein paar kleine pro Tag – das ist okay", findet Wiese. Die Familienberaterin rät Müttern dazu, gut auf sich Acht zu geben und ihr eigenes Wohlbefinden im Blick zu haben. Nur so könne es auch dem Rest der Familie gut gehen. "Das ist wie bei einer Löwenmutter. Sie frisst immer zuerst selbst von ihrer Beute, bevor sie ihren Kindern etwas abgibt. Denn die Löwenmutter braucht die Stärkung für den nächsten Beutefang."

VORBEREITUNG AUF EIN NEUES FAMILIENMITGLIED

Tipps von Hebamme Uschi Böcking
Gerade zu Beginn ihrer Schwangerschaft stehen viele Frauen noch voll im Berufsleben. "Mutterschutz gehört eigentlich in die ersten drei Monate, da die Umstellung oft mit starker Übelkeit und Müdigkeit einhergeht und man doch noch nichts sieht von der Schwangerschaft." Uschi Böcking empfiehlt jungen Müttern in dieser Zeit, auf ihre Bedürfnisse zu achten und sich Ruhe zu verordnen. "Als werdende Mutter ist man nicht ersetzbar."

Um sich während der Schwangerschaft auf die Zeit mit dem neuen Familienmitglied vorzubereiten, rät die Hebamme Frauen dazu, einen "Bett-Tag" einzulegen. Dies sei ratsam, wenn Paare ihr zweites oder drittes Kind bekommen. "So kann der Vater schon einmal ausprobieren, wie er ohne die Hilfe seiner Frau mit dem Haushalt und den Kindern zurechtkommt und wo er gezielt Unterstützung von außen brauchen könnte."

"Junge Mütter muss man bemuttern", da ist sich Uschi Böcking sicher. Seit 30 Jahren hilft sie Frauen vor, während und nach der Geburt eines Kindes. "Frauen werden heutzutage schon früh nach der Geburt ihres Kindes aus der Klinik entlassen", sagt Böcking. "Viele denken dann, das Wochenbett ist rum. Aber das ist natürlich falsch." Mütter sollten anfangs auch zu Hause die Möglichkeit haben, im Bett bleiben zu können und sich auszuruhen. Um das zu ermöglichen, schlägt Uschi Böcking vor, auf Hilfe zurückzugreifen. "Aus der Familie, Nachbarschaft, von Freunden oder, wenn das nicht geht, auch von der Caritas oder von Dorfhelferinnen", sagt sie. Böcking fordere Eltern immer dazu auf, alle Unterstützung anzunehmen, die sie bekommen könnten.

Wichtig findet Uschi Böcking es außerdem, sich gesunde Kompensationsmöglichkeiten zu Stresssituationen zu suchen. "Entspannungsübungen, Meditation, Wassershiatsu, Spaziergänge machen." Außerdem bräuchten Schwangere und junge Mütter Gleichgesinnte, um sich über Befindlichkeiten auszutauschen. "Und auch der Mann muss sich eine Kraftquelle suchen. Sport machen oder am Abend mal mit Freunden ein Bier trinken gehen."

ZEIT FÜR DEN PARTNER HABEN

Tipps von Pro Familia
"Viele werdende Eltern haben die Vorstellung, dass es zwischen Partnerschaft und Elternsein keinen Unterschied gibt", sagt Paarberater Bernhard Meyer von Pro Familia. "Nach einem Jahr merken sie dann, dass sie sich als Paar verlieren. Man nährt das Kind, aber nicht die Partnerschaft." Er plädiert dafür, sich Zeit einzuräumen. "Regelmäßige Treffen zu zweit vereinbaren, Kinoabende verabreden, Gespräche über die Beziehung führen." Meyer räumt ein, dass diese Paarzeit seinen Preis habe. "Allein finanziell, weil man zum Beispiel einen Babysitter bezahlen muss." Dennoch hält er sie für sehr wichtig. Seine Kollegin Karin Drinkuth stimmt ihm zu. "Wenn das Kind schläft, sollte man sich abends noch eine Stunde zusammensetzen und reden, auch wenn man vielleicht geschafft ist", sagt sie. Drinkuth erinnert daran, über ein Baby den Partner nicht zu "vergessen". "Wenn man nach der Arbeit heimkommt, ist es schön, wenn man nicht nur das Kind herzlich begrüßt, sondern auch die Frau oder den Mann", so Drinkuth. Männer würden ihren Frauen die Arbeit im Haushalt und das Umsorgen der Kinder sehr hoch anrechnen – "oft sprechen sie das aber nicht aus", sagt Meyer. Er ermutigt dazu, dies häufiger zu tun, Komplimente zu machen. "Das sind eigentlich relativ einfache Dinge", sagt Drinkuth.

DEN HAUSHALT MANAGEN
Tipps von Christine Fackler, Haus- und Familienpflege
Haus- und Familienpfleger der Caritas unterstützen Familien, die Hilfe im Haushalt und beim Versorgen der Kinder benötigen. Häufig ist das der Fall, wenn die Mutter einen Klinik-, Reha- oder Kuraufenthalt hat oder während des Wochenbetts Unterstützung braucht. "Viele Eltern stürzen sich am Morgen kopflos in den Tag", sagt Christine Fackler. "Wir raten dazu, sich jeden Morgen fünf Minuten Zeit zu nehmen und sich aufzuschreiben, was an dem Tag erledigt werden muss." Die einzelnen Punkte könne man im Laufe des Tages abhaken, "das gibt ein gutes Gefühl". Sinnvoll sei auch ein Einkaufsplan für die ganze Woche. "Den kann die Familie am Samstag erstellen und danach gemeinsam einkaufen gehen", schlägt Fackler vor. Ein Großeinkauf ist zeit- und geldsparender als viele kleine.

Fackler spricht sich dafür aus, den Nachwuchs im Haushalt mit anpacken zu lassen. "Man kann die Aufgaben ja spielerisch verteilen, indem man sie auf bunte Zettel schreibt und jeder einen ziehen darf." Oder Kinder dürften sich Aufgaben aussuchen, die sie im Haushalt erledigen möchten – "die Spülmaschine ausräumen oder den Müll rausbringen". Außerdem empfiehlt Christine Fackler, die Wohnung einmal im Jahr zu entrümpeln. "Das schafft nicht nur im Äußeren Platz, sondern auch im Inneren."
von Nikola Vogt
am Do, 30. Oktober 2014 um 00:00 Uhr

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