Überall die gleiche Begeisterung, alle freuen sich dreinzuschlagen

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (1): Die Mobilmachung in Böhmen, Karlsruhe, Heidelberg, Kassel, am Wannsee und in Pommern.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Ab heute blicken wir Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

1. AUGUST 1914

Josef Glaser, Schüttenitz
(Österreich-Ungarn, Böhmen)
Um 9 Uhr am Marktplatz in Leitmeritz feierliche Einsegnung. Blauer Himmel, große Menschenmenge. Tscheche demonstriert durch Ruf: "Hoch Serbien!", wird verprügelt. Nachmittags wimmelt es von Menschen in Schüttenitz, die die eingerückten Reservisten besuchen.

Mädchen, Karlsruhe

Hier ist schon alles gerüstet. Die Brücke bei Maxau ist von den hiesigen Dragonern bewacht. Man darf nur in Begleitung eines Soldaten die Brücke betreten. Heute hat sich Wilhelm als Kriegsfreiwilliger bei den Dragonern gestellt. Am zweiten Mobiltage muss er eintreten. Es ist kaum noch etwas zu bekommen. Die Preise sind gewaltig gestiegen, Mehl von 20 auf 35 Pfennig. Da ich erst fünfzehn Jahre alt bin, darf ich mich als Krankenhilfe noch nicht melden. Um aber nicht müßig zu Hause zu sitzen, will ich sehen, ob ich genommen werde, um im Ernstfalle den Soldaten Erfrischungen an der Bahn zu reichen. – Abends 6 Uhr. Der Krieg ist erklärt! Ich kann es nicht glauben, kann es mir nicht vorstellen … was heißt es, Krieg … Gott sei mit uns, wir Menschen können nichts mehr machen. Wilhelm kommt Montag in die Kaserne. Major Moser hat sich noch sehr nett und liebenswürdig mit ihm unterhalten und hat ihm gesagt, dass Graf Geßler den Wunsch hege, ihn in seinem Regiment als Fahnenjunker zu sehen. Er wird aber als Kriegsfreiwilliger eintreten. Gott schütze ihn. In der ganzen Stadt herrscht Begeisterung. Bei der Kriegsverkündigung sangen sie heute "Deutschland, Deutschland über alles".

Annemarie Pallat, Wannsee:

Gegen 7 Uhr wird die Mobilisierungs- Ordre hier an den Säulen angeschlagen. Also wirklich. Ich möchte nach Berlin, aber Peter hat keine besondere Lust. Wenn nur Ludwig nicht so festsäße. Jolles macht alles in Berlin mit.

Hilde Grapow, Kassel:

Am Vorabend des Weltkrieges!?! steht heute auf den meisten Depeschen! So sieht Krieg aus, muss ich immer denken! Es ist viel, viel grässlicher, als man immer dachte und aus Büchern las.

Elisabeth Schwarz, Heidelberg:

Ungeheure Begeisterung bei Alt und Jung! Arm und Reich reicht sich die Hand, spricht zusammen auf den Straßen. Alles ist eins in dem Gedanken: Zusammenhalten, was da kommen mag. Nun wird nichts mehr gearbeitet, alles macht Feierabend. Viele junge Männer sieht man eilends heimwärts laufen: "Ich muss mich morgen früh stellen", heißt’s. Überall die gleiche Begeisterung, alle freuen sich dreinzuschlagen.


Georg Becker, Alzey:

Gegen 6 Uhr hörte ich im Kreiskrankenhaus zu Alzey, die Mobilmachung sei befohlen. Wir eilten auf den Roßmarkt, wo eine große Menge in dumpfem Schweigen harrte, denn noch war hier nichts angeschlagen, und nur Einzelne hatten die Nachricht mitgebracht. Nun erschien auch ein Schutzmann und klebte an die Litfaßsäule die Meldung, die alle wussten und die doch jeder sehen wollte. Die meisten waren erschüttert. Jeder, der nicht selbst mitmusste, hatte einen ihm Nahestehenden, der ins Feld sollte. Die zwei Bayern Hirtreither und der Provisor Godesbauer waren am meisten kriegsbegeistert. Sie fuhren noch am selben Abend nach München.

Meta Iggersheimer,

Kolberg, Pommern:


Tausende von Fremden ergriffen eiligst die Flucht, die Züge waren riesig überfüllt. Mich überkam ein eigenartig dumpfes Gefühl, ich konnte das Schwere noch nicht ganz fassen. Am Abend letztes Konzert, die Gäste kargten nicht mit Applaus.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

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von bz
am Fr, 01. August 2014

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