"Um 6 Uhr nachmittags war Sennheim vom Feinde frei"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (8): Ein deutscher Soldat schildert die erbitterten Kämpfe um die Einnahme eines elsässischen Dorfes.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

9. AUGUST 1914

Jakob Krebs, Wittenheim,
Elsass-Lothringen
Gegen 12 Uhr kommen wir in Breisach an, werden ausgeladen und setzen uns gegen 2 Uhr in Marsch, denn es wird bekannt, dass bei Mülhausen schon ein Gefecht im Gange sei. Wir gehen über den Rhein, passieren Neubreisach, wo Drahtverhaue vor den Festungsanlagen errichtet werden, und gelangen auf schlechter Straße spätnachmittags bis Ensisheim, von wo man schon in südwestlicher Richtung Schrapnells krepieren sieht. Etwa 3 km südlich von Ensisheim gibt’s Halt. Einwohner erzählen, dass französische Patrouillen am Vormittag da waren. In der Dämmerung fahren wir bis zum Südausgang von Wittenheim und fahren auf einem Stoppelacker zum Biwak auf, alle Leichten Munitionskolonnen der 28. Brigade halten hier. Von der Napoleon-Insel her wälzen sich dicke Rauchwolken, auch aus Mülhausen leuchten verschiedene Brände.
Richard Walzer, bei Aspach,
Elsass-Lothringen

Alarm nachts 2 Uhr. Abmarschiert auf die Höhe bei Hattstatt. Von 3 bis 7 Uhr morgens an der Landstraße gelegen und auf weitere Befehle gewartet. In der Ferne war die Entwicklung eines heftigen Kampfes zu hören. Abmarsch in der bereits enormen Augusthitze. Wir marschierten über Pfaffenheim, Rufach nach Isenheim. Überall erhielten wir zu trinken. Auf einer Wiese zwanzig Minuten Rast. Um ½ 11 Uhr kamen wir vollständig erschöpft auf einer Anhöhe vor Sennheim zu unserer Artillerie, die funkte, was möglich war. Hier pfiffen aber auch schon die ersten Infanteriekugeln um unsere Ohren herum, die allgemein Verwirrung in die in Marschkolonnen ankommenden Kompanien brachten. Wir schwärmten hier zwischen der Artillerie hindurch aus und nahmen ca. 200 m vor den Geschützen in einem Kornacker Stellung. Da wir hier das feindliche Infanteriefeuer zu stark zu fühlen bekamen, ging es nun gruppen- und sprungweise vor. Unterwegs fanden wir einen Graben mit ganz schmutzigem, lehmigem Wasser. Da sonst jedoch nichts mehr zum Trinken zu finden war, ging es raus in die Pfützen, die Feldflaschen wurden gefüllt. Weiter bis zu einem auf halber Höhe des Berges hinführenden Wegrand. Die feindliche Linie wurde nochmals unter heftiges Infanterie- und Artilleriefeuer genommen, worauf allgemeiner Sturm befohlen war. Die Franzosen zogen sich zurück in den Ort Sennheim. Eine Fabrik links von uns wurde von unserer Artillerie mit vier Schuss in Brand geschossen. Ungefähr eine Kompanie Franzosen, die sich in der Fabrik eingenistet hatte, musste in die Ortschaft flüchten, verfolgt von unserem auf 200 m einsetzenden Infanteriefeuer. Die meisten fielen. Hierauf wurde der linke Flügel vorgeschoben, und das Ganze ging im Sturm nach Sennheim rein. Hierbei erhielten wir eigenes Artilleriefeuer. Um 6 Uhr nachmittags war Sennheim vom Feinde frei. Die Kompanie sammelte sich, Verluste wurden festgestellt. Wir rasteten in einem Wirtschaftsgarten. Die Leute waren frech und unfreundlich.

10. AUGUST 1914

Karl Groppe, Louveigné (Belgien)

Unser Bataillon umstellte Louveigné, ging von allen Seiten zugleich vor und nahm sämtliche männlichen Einwohner gefangen. Wir fanden noch 62 Mann, darunter die beiden Pfaffen. Im Pfarrhaus fanden wir ein blutiges Bett und deutsche Soldatenstiefel. Das Haus wurde sofort in Brand gesteckt (...) Zum Teil spielten sich erschütternde Szenen ab, vor allen Dingen der Abschied der noch anwesenden Frauen von ihren Männern und die Angst und Not der Alten und Kinder waren rührend. Eine alte Frau von mindestens achtzig Jahren saß auf einem Klotz und knabberte an einer trockenen Brotrinde. Da dankte mancher im Stillen Gott, dass der Krieg nicht in unserer Heimat war (...)

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

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von bz
am Sa, 09. August 2014


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