"Unterwegs mussten wir an manchem toten Freund vorbei"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (22): Die ersten Verwundeten kommen an, viel Staub, drückende Hitze – und in die Flucht geschlagene Russen.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

26. AUGUST 1914

Meta Iggersheimer, Amberg

Der kleine deutsche Kreuzer Magdeburg gerät im Finnischen Meerbusen auf Grund und wird in die Luft gesprengt. An der russisch-österreichischen Grenze beginnt in einer 400 km langen Schlachtlinie ein wütender Kampf. Die ersten Verwundeten kommen hier an.

Josef Glaser, Dachnów

(Österreich- Ungarn, Galizien)


Um ¾ 6 Uhr ist das Bataillon zum Abmarsch gestellt, alle Nachzügler sind eingetroffen. Oberst von Reyl hält eine kurze Ansprache. Es marschiert sich gut, da zum Teil die Wiesen längs der Straße benutzt werden können. Nachher viel Staub und drückende Hitze. Nach einer kurzen Rast wird verlautbart, dass das 10. Korps bei Tomaschow mit den Russen im Kampfe steht und die 26. Landwehrdivision den Befehl erhalten hat, womöglich noch heute in den Kampf einzugreifen. Im Walde von 11 bis 12.30 Uhr Mittagsrast, Reissuppe mit Rindfleisch. Nach halbstündigem Marsch durch den Wald wieder auf freie Straße gekommen. Die Brunnen in den Ortschaften werden von den Leuten gestürmt. Häufiges Auftreten von Nasenbluten. Vor Oleszyce gerastet. Rechts der Straße lagert eine Train-Abteilung. Hier erfahren wir, dass in der Adria acht englische Kriegsschiffe vernichtet worden sind. In Oleszyce liegt viel Mannschaft, ein Signalturm ist sichtbar, und im Schlosse ist das Kommando der 4. Feldarmee einquartiert. Die Ermüdung zeigt sich in dem starken Auseinanderziehen der Kolonnenlänge. Um 8 Uhr in der Dunkelheit in Dachnów einmarschiert. Die Kompanie nächtigt in einem Gutshof. Stroh ist genügend vorhanden.

Mädchen, Karlsruhe

Das Generalquartier meldet: Eine dreitägige Schlacht bei Krasnik endete gestern mit einem völligen Siege unserer 81 Truppen. Die Russen wurden aus der ganzen, etwa 70 km breiten Front geworfen und traten fluchtartig den Rückzug gegen Lublin an. Bei Namur sind sämtliche Forts gefallen. Ebenso ist Longwy nach tapferer Gegenwehr genommen. Gegen den linken Flügel der Armee des deutschen Kronprinzen gingen aus Verdun und östlich starke Kräfte vor, die zurückgeschlagen sind. Das Oberelsaß ist bis auf unbedeutende Abteilungen westlich Colmar von den Franzosen geräumt.

Otto Gehrke, Namur (Belgien)

Bis zur Grenze ca. 40 km. Unsere Truppen fallen in Frankreich ein. Allerlei Gerüchte schwirren umher: Japan habe an uns den Krieg erklärt, Belfort sei gefallen und noch vieles mehr. Genaues bekommen wir nicht zu hören. Das Garde-Armeekorps rückt nach Russland ab. Werden ja sehen. Eben Exerzieren gehabt, das ja die Hauptsache ist. Unsere Truppen sollen nur noch 70 km vor Paris sein. Nur kein zu früher Jubel.

Karl Groppe, Beauvois-en-Cambrésis (Frankreich)

Um ½ 8 Uhr kamen wir auf dem Schlachtfelde an und sahen gerade, wie unsere Jäger, unterstützt durch die Artillerie und Maschinengewehre, die Engländer aus der ersten Stellung herauswarfen. Am liebsten wären wir auch gleich vorgegangen, wurden jedoch verurteilt, bis 11 Uhr in Deckung als Reserve zu bleiben. Trotz ausdrücklichen Befehls, nicht über die Höhe der ersten englischen Stellung vorzugehen, drangen die Unseren weiter vorwärts und warfen die Feinde auch aus der zweiten Stellung. Wir folgten auf etwa 400 bis 500 m, indem wir gruppenweise ausschwärmten und uns in Deckung wieder sammelten. Endlich, nachdem sich in der vorderen Schützenlinie schon Patronenmangel bemerkbar machte, wurden wir gruppenweise, jeder mit 300 bis 500 Patronen bepackt, eingesetzt. Unterwegs mussten wir an manchem toten und verwundeten Freund vorbei. Letztere forderten uns auf, die Engländer ja ordentlich zu verhauen. Wir versprachen es zähneknirschend. Eine gewisse Genugtuung war es für uns, dass wir mehr kampfunfähige Feinde als Freunde sahen. (...)

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Di, 26. August 2014


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