Literatur

Von der Angst des Schriftstellers vor dem ersten Satz

"Den Düwel ook, c'est la question". Der erste Satz in einem guten Roman ist so wichtig wie auf einem Gemälde der erste Pinselstrich. Oft fliehen die Schriftsteller deshalb vor dem ersten Satz ihres Romans.

Der erste Satz in einem guten Roman ist so wichtig wie auf einem Gemälde der erste Pinselstrich. Er bestimmt den Gesamtklang, enthält schon den Tonfall des Ganzen. Darum haben Autoren oft diese Angst vor dem weißen Blatt. Sie laufen vor ihm davon, spazieren durch die Wälder, kochen sich etwas, kaufen in der Stadt einen ganz unsinnigen Gegenstand. Es ist die Schwierigkeit, mit dem ersten Satz auf einmal ganz da sein zu müssen. Wilhelm Raabe hat seinen "Federansetzungstag" zeitlebens wie einen Geburtstag gefeiert.

"Was ist das. - Was - ist das . . ."

"Je, den Düwel ook, c'est la question, ma très chère demoiselle!"

Die Buddenbrooks beginnen viersprachig, mit einer Frage, die wiederholt wird, und einer zweigeteilten Antwort. Viersprachig? Ich meine, ja. Das erste "Was ist das" ist geschichtlich vorgeformte, religiöse Rede. Es ist ein Zitat aus dem lutherischen Katechismus, der von der Mitte des 16. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts vom protestantischen Nachwuchs auswendig gelernt wurde: nach neuester Forschung der wohl prägendste Text der deutschen Sprachgeschichte, prägender als Luthers Wartburger Bibelübersetzung, die Stilgrammatik des deutschen Protestantismus.

Das zweite "Was - ist das . . ." ist die Realisierung des Zitats in einem konkreten geschichtlichen Augenblick. Das überliefert Feststehende wird farbig gebrochen und gewinnt einen besonderen Tonfall: als zögernde Kinderfrage in einer Familienszene der Buddenbrooks an einem kalten Oktobernachmittag des Jahres 1835. Die kleine Tony, achtjährig und zart gebaut, stockt. Sie sucht nach der Fortsetzung . . . Auf den Knien des Großvaters sitzend, von ihm aufgefordert, hat sie den ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses, "Ich glaube an Gott den Vater den Allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden" heruntergeschnurrt. Nun soll die Erklärung folgen: das lange "Was ist das".

"Je, den Düwel ook." Dieser Einwurf des Großvaters Johann Buddenbrook, der die Gewohnheit hat, Niederdeutsch und Französisch zu mischen, ist ganz und gar Tonfall, ein gemütvoller plattdeutscher Fluch. "Ja, den Teufel auch" ginge nicht, "Je" ist außerdem nicht sicher "Ja", sondern vielleicht die Kurzfassung von Jesus. Sind in diesem kleinen harmlosen Fluch die beiden Hintergrundkombattanten angerufen, der Jasager und Neinsager, sind im Anfang der Buddenbrooks Vater, Sohn und Teufel versteckt? "Das ist die Frage, mein liebes Fräulein", sagt der Großvater, aber er sagt es auf französisch, weil rationales Fragen, gepaart mit Galanterie, sich am besten auf Französisch machen, so wie das gefühlvolle Fluchen auf Platt. Mit fun-kelndem Humor sät der alte Herr Zweifel, wenn er die Kleine fragt, was redest du eigentlich da, wenn du in der Erklärung sagst: "Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat . . . mir Haus und Hof, Acker, Vieh und alle Güter gegeben hat und noch erhält"? Was nimmst Du für den Zentner Weizen, mein Liebes?

Mehrsprachigkeit, Vielstimmigkeit ist eine der Möglichkeiten moderner Literatur, die freilich, wie die Freiburger Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier uns Stück für Stück zeigt, ihren Vorgänger im 19. Jahrhundert hat. Karl Kraus war ein entlarvender Stimmen-Imitator und Zitator, halb Österreich hat es ihm nachgemacht. James Joyce ist es auf andere Weise, er führt seinen Ulysses durch hundert Sprachmilieus und bringt das Sprachenbabylon in chemische Reaktion. Kafka dagegen verzichtet auf sprachliches Lokalkolorit, er entfernt es systematisch aus seinen Texten, sucht eine allgemein und logisch durchsichtige Einheitssprache. Karl Roßmann lehnt sich bei der Überfahrt nach Amerika in der ersten Fassung an die "Reling", in der zweiten ans "Bordgeländer".

Unter den drei Möglichkeiten, einen modernen Roman des 20. Jahrhunderts zu schreiben, wählt Thomas Mann eine vierte. Er beherrscht die drei Möglichkeiten. Im ersten Kapitel der Buddenbrooks ist alles, von der Sprache über die Kleidung bis zur Gestik und Mimik Imitat, Zitat, Erfüllung einer gesellschaftlichen oder einer persönlichen Norm. Der Autor versteht sich überdies auf die Verschränkung der Stile, speziell die humoristische, auf das Vergnügen an der Abweichung und die Spannung zur Norm. Und es fehlt nirgends an allgemeiner Durchsichtigkeit. Aber über die Form hinaus liebt er das Leben, leidet er am Leben und sucht zu verstehen, lokalisiert er die Kunst im wirklichkeitssüchtig wahrgenommenen Lübeck. Der Verlust macht ihn produktiv, die leidende Liebe erkenntnishungrig.

Was der große Bruder Heinrich als Formel für die Literatur erfand, "Leben, vermehrt um Erkenntnis", passt noch besser auf Tommy. Tommy und Tony - das ist nun schon die fünfte Sprache. Die kleine, hamburgisch hanseatisch anglisierte Tony heißt nämlich Antonie nach ihrer halbfranzösischen Großmutter An-toinette Duchamps - "Dammi haal!!"

Uwe Pörksen

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Der Autor ist Professor für Germanistik (Deutsche Sprache und Ältere Literatur) an der Uni Freiburg und Schriftsteller.
von Uwe Pörksen
am Sa, 06. Oktober 2001 um 00:00 Uhr

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