Was heißt das, Leben auf dem Dorf?

BZ-SERIE (LETZTER TEIL) Nicht am Nabel der Welt, aber unter Menschen, die sich kennen, gegenseitig helfen und aufeinander aufpassen.

Häsch au scho g’hert?" oder "Weisch mer nix Neues?" – im Dorf bleibt nichts geheim. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich Nachrichten. Neugier und Anteilnahme liegen dicht beieinander. Man kennt sich, da lassen Glück und Schicksal den anderen nicht unberührt.

Es gibt Menschen, die ziehen nach einigen Jahren Großstadtleben wieder zurück aufs Dorf. Junge Leute, die in München oder Frankfurt ihr Studentenleben oder ihre Berufsausbildung genossen, entdecken auf einmal wieder die Vorteile des ruhigen Landlebens. Der Lärm und die Hektik der Großstadt ist nicht jedermanns Sache. Wenn man sie fragt, was sie am meisten an der Stadt vermissen, werden meist das Nachtleben und Shoppingmöglichkeiten erwähnt. Kneipen, Discos, Kinos und Theater gibt es halt eher in der Stadt, ähnlich verhält es sich bei Modegeschäften, Museen oder Bibliotheken.

Klar ist das Nachtleben auf dem Land eher bescheiden – wenn man es passiv genießt. Gehört man jedoch einem Verein an, wird der Feierabend schon etwas bunter. Die Landjugendgruppen bieten dem Alter ihrer Mitglieder entsprechend gemeinsames Schlittschuhlaufen, Rad-, Cart- und Planwagenfahren, Paintballschießen, Kinobesuche, Brauereiführungen und immer wieder Partys zu jedem Anlass und unter jedem Motto an.

Die Gemeinden sind bemüht, die Jugendlichen im Dorf zu halten. Löffingen etwa stellt ihnen nach Möglichkeit eigene Domizile zur Verfügung. Erst jüngst hat sich in Reiselfingen eine Jugendgruppe gebildet, die sich über einen eigenen Vereinsraum freuen kann. Der "kurze Amtsweg" in Person des Ortsvorstehers ist dabei von Vorteil: Wünsche der Jugendlichen können genauso unbürokratisch erledigt werden wie Beschwerden der Bevölkerung bei entsprechenden Auffälligkeiten.

Regelmäßig Kleinkunst-Comedy in allen Variationen bieten die Löffinger Kutipp-Veranstaltungen. Die Laientheatergruppen der verschiedenen Orte tragen an Ostern und Weihnachten mit kurzweiligen Theaterstücken zur Unterhaltung bei, dazwischen locken immer wieder Tanzpartys in die verschiedenen Hallen der umliegenden Orte. Für Sportler stehen in Löffingen alle Türen offen: Fußballplätze sind überall zu finden, der Weg zu Sporthallen und Tennisplätzen und Tischtennisplatten ist überschaubar. Musik-, Gesang- und Wandervereine, Malkreis, Feuerwehren, DRK und DLRG decken vielerlei Interessen ab und fördern den Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn, der sich auch im Nachtleben fortsetzt. Das Jahresprogramm der Landfrauen mit Ernährungs- und Gesundheitskursen, Kreativnachmittagen, Grillabenden, Walken und Gymnastik, Buchlesungen, Radtouren oder EDV-Kursen kann fast mit dem Angebot einer Volkshochschule mithalten.

Im Dorf bleibt

nichts geheim

Zugezogenen begegnen die Hochschwarzwälder oft zunächst mit einer gewissen Zurückhaltung, aber auch mit einer Portion Neugier. Von Vorteil sind dabei Kinder, über die man "zwangsweise" die Dorfgemeinschaft durch Kindergarten, Schulen und Gruppierungen kennen lernt. Aber auch ohne Kinder findet man schnell Anschluss, sofern man ihn überhaupt will. Da reicht schon das "Sichblickenlassen" bei diversen Veranstaltungen und schon bald überwiegt das Interesse der Einheimischen an den "Fremden".

Die qualitativen Elemente des Lebensalltags, zu denen die Arbeitsplätze, Nahverkehrsangebot und Einkaufsmöglichkeiten zählen, können im ländlichen Raum mit denen der Stadt nicht mithalten. Ohne Auto ist man auf dem Dorf aufgeschmissen. Auch die fehlenden Einkaufsmöglichkeiten, die vielen kleineren Orten zu schaffen machen, erfordern meist den Einsatz eines Autos.

Auch wenn der Hochschwarzwald noch viele Arbeitsplätze besonders in der metallverarbeitenden Industrie und im Handwerk bietet, reichen diese bei weitem nicht für alle Menschen in der Region aus. Die Zahl der Auspendler und letztendlich auch die der Abwanderungen junger Leute gehen damit einher. Wie kann man die Leute im ländlichen Raum halten? Die Gemeinden jedenfalls setzen alles daran, dem demografischen Wandel mit einer intakten Infrastruktur zu begegnen, die auch ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Niederlassung von Ärzten ist.

Derzeit werden überall im Hochschwarzwald die Kleinkinderbetreuungsangebote ausgebaut, freie Kindergartenplätze und baureife Grundstücke stehen in vielen Gemeinden zur Verfügung. Die Schul- und Sporthallenlandschaft kann sich neben dem Freizeitangebot sehen lassen. Das Thema Nahwärmeversorgung ist im Hochschwarzwald allgegenwärtig, so dass letztendlich nicht nur mit dem Umwelt-, sondern auch mit dem Finanzaspekt gepunktet werden kann.

Für eingefleischte Städter ist es vermutlich schwer, die Großstadt gegen die sozialen Kontakte einer gewachsenen dörflichen Gemeinde zu tauschen. Ebenso schwer aber wäre ein Umzug in die Stadt für überzeugte Landbewohner, die die Nachteile des ländlichen Raumes in der Gewissheit in Kauf nehmen, dass man aufeinander aufpasst, sich gegenseitig hilft und auch mit- und manchmal eben auch übereinander spricht.

Alle Texte der Serie finden Sie in unserem Online-Dossier unter mehr.bz/serie-demografie
von Christa Maier
am Sa, 04. Mai 2013

ZAHL DES TAGES

72

Prozent beträgt der Verstädterungsgrad in Deutschland. Demnach leben heute 28 Prozent der Menschen auf dem Land. Um das Jahr 1900 waren noch mehr als 50 Prozent Landbewohner. Mit der Entwicklung Deutschlands zum Industriestaat änderte sich das Verhältnis.  

Autor: swo


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