Familien in Südbaden

Wenn erwachsene Kinder ihre Eltern pflegen

Wenn erwachsene Kinder ihre Eltern pflegen, ist das für beide Seiten oftmals eine schwierige Situation. Doch es kann gelingen, wenn man lernt, auch mal abzugeben. Wie bei Familie Wolf.

VÖGISHEIM. Wie es war, bevor Oma Martha eingezogen ist, kann sich bei den Wolfs eigentlich kaum mehr jemand vorstellen. Die 90-Jährige, die für die Wolfs Oma, Mutter und Uroma ist, gehört selbstverständlich dazu, nicht nur an Weihnachten oder den Geburtstagen, wie das sonst so üblich ist, wenn man nicht gerade unter einem Dach zusammenlebt und auch den Alltag teilt. Seit Martha Wolf einen Schlaganfall hatte, der sie an den Rollstuhl bindet, ist das Haus der Wolfs in Vögisheim quasi ein Mehrgenerationenhaus. Am Klingelschild steht zweimal "Wolf". Oben im ersten Stockwerk wohnen Thomas (55) und Elke (52), unten im Erdgeschoss in einer Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad und ebenerdigem Zugang zu Hof und Garten, Martha. Bis vor zwei Jahren gehörten auch noch die beiden Töchter der Wolfs, Marthas Enkel, zum Haushalt. Nach wie vor kommen sie aber fast täglich zu Besuch.


Nach dem Schlaganfall muss sich die Familie schnell entscheiden. Soll die Oma in eine Pflegeeinrichtung? Alleine kann sie nicht bleiben. Die Wolfs entscheiden sich für eine andere Lösung. Sie nehmen sie zu sich nach Hause. Sie soll es schön haben an ihrem Lebensende. Ein Abschied im Kreis der Familie. Dass sich Martha Wolf noch mal aufrappeln würde, daran glaubt zu diesem Zeitpunkt eigentlich niemand. "Wir dachten, das war’s", erzählt Schwiegertochter Elke. Martha, die sie dabei ansieht, nickt. Sie soll nicht das Gefühl bekommen, dass über sie gesprochen wird, als wäre sie nicht im Raum. Martha Wolf kennt die Geschichte, die Wolfs sprechen offen über das, was war, und auch über das, was ist. In der Pflege gibt es keine Tabus. "Ich habe sie auch schon mal für einen Moment auf der Toilette vergessen", gesteht Elke, die sich um den Haushalt kümmert, den eigenen und den ihrer Schwiegermutter, die sie liebevoll "Mama" nennt. Wenn man im ganzen Haus zu tun hat, gleichzeitig mit Kochen und Waschen beschäftigt ist, kommt so was schon mal vor. Alle lachen, auch Martha. Ein bisschen unangenehm ist es ihr zwar immer noch, dass ihr Körper nicht mehr so will, wie sie. Aber sie hat sich daran gewöhnt. Sie zuckt mit der Schulter. "So ist es eben."

Acht Jahre hat das Zusammenleben nun schon Bestand. Viel Schönes hat die Familie in dieser Zeit zusammen erlebt. Nach dem WM-Sieg der deutschen Nationalelf diesen Sommer waren sie alle zusammen auf der Fanmeile in Müllheim unterwegs. Mittendrin Oma Martha im Rollstuhl mit einer schwarz-rot-goldenen Blumengirlande um den Hals. Auch zu Hause schaut die hellwache Seniorin am liebsten "Kicken".

Anfangs war es nicht einfach. Alle mussten sich an die neue Situation gewöhnen, auch Martha, die nach dem Tod ihres Mannes lange Zeit alleine lebte und damit gut zurechtkam. Für Thomas und Elke ging es um die Frage, wie viel Nähe tut uns gut? Auch für die beiden Enkelinnen, Stefanie (28) und Anne (22), war es eine Umstellung. "Wir konnten nicht mehr einfach so kommen und gehen", erzählt Stefanie. Es klingt nicht nach Anklage, eher nach Feststellung. Pflege braucht Verlässlichkeit. Irgendjemand muss immer in der Nähe sein. Was, wenn der Oma was passiert und keiner ist da? "So was funktioniert nur, wenn die ganze Familie mitzieht", sagt Elke. Hätten ihre Töchter, damals 14 und 20 Jahre alt, sie nicht unterstützt, wäre vielleicht alles anders gekommen. Unterstützung erfährt die Familie auch von Elkes Brüdern und ihrer Mutter. Auch sie wohnen am Ort. Das macht es einfacher. Eine Selbstverständlichkeit aber ist es nicht.

Für Marthas Sohn Thomas war klar, das geht nur, wenn alle einverstanden sind. Wichtig war ihm, dass jeder seinen eigenen Lebensbereich hat. "Alle in einer Wohnung, das hätte ich nicht gewollt." Glücklich fügte sich in der damaligen Situation, dass die Einliegerwohnung im Haus gerade frei wurde. Auch Martha schätzt die räumliche Trennung. Mit der eigenen Wohnung bewahrt sie sich ein Stück Unabhängigkeit. Wer, wie sie, auf die Hilfe anderer angewiesen ist, ist froh um einen Rückzugsbereich. Marthas Wohnung ist so ein Ort. Hier kann sie ungestört Besuch empfangen, etwa ihre vier Jahre jüngere Schwester, mit der sie gerne an dem kleinen Tisch zusammensitzt und Rommé spielt. Aber auch kleine Aufgaben gehören zur eingeschränkten Selbstständigkeit. Samstags staubt Martha ab. So haben sie es vereinbart. Die Wohnung ist oft auch Treffpunkt der Familie. Während alle von ihrem Tag erzählen und Thomas sein vier Wochen altes Enkelkind auf dem Schoß schaukelt, hört Martha aufmerksam zu. "Wichtig ist, dass sie dabei ist", sagt Elke.

Familie ist den Wolfs wichtig. Sie gibt ihnen Kraft und Halt. Wichtig ist es allen Familienmitgliedern aber auch, sich mal auszuklinken. Der Sonntag gehört Elke und Thomas. Wenn das Wetter gut ist und geklärt ist, wer sich um die Oma kümmert, starten sie zur Ausfahrt mit dem Motorrad. Elke, die sich in einigen Vereinen engagiert, ist zudem oft abends unterwegs. Dann übernimmt Thomas die Aufgabe, nach dem Rechten zu sehen. Auch auf den Urlaub wird nicht verzichtet. Wenn alle ausgeflogen sind, kommt Martha in die Kurzzeitpflege. Aber auch im Alltag nimmt die Familie zur Entlastung gerne Hilfe von außen an.

Morgens kommt der Pflegedienst ins Haus und übernimmt das Duschen und Ankleiden. Für Klaus Klee, der in Müllheim einen privaten Pflegedienst betreibt, machen die Wolfs alles richtig. Vor allem, weil es ihnen gelingt, sich Freiräume zu schaffen. "Auch in der Pflege geht es darum, eine gute Mitte zu finden", sagt Klee. Sein Rat: Mal was abgeben, auch wenn der Schritt zunächst schwerfällt. Oft erlebt Klee, wie sich Familien mit der Pflege ihrer Angehörigen übernehmen, wie das Bedürfnis, den betagten Eltern etwas von der Fürsorge zurückzugeben, die man in der eigenen Kindheit erfahren hat, in Stress ausartet. Im Extremfall geht das bis zum Burn-out.

So weit soll es bei den Wolfs nicht kommen. Solange es gut geht, wollen sie Martha zu Hause behalten. "Es bringt nichts, sich zu überlegen, was wäre, wenn", sagt Thomas. "Für den Moment genießen wir es, so wie es ist", sagt Elke. Damit ist auch Martha einverstanden.
von Julia Jacob
am Do, 30. Oktober 2014 um 00:00 Uhr

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