Wie ein Chor mit tausend Stimmen

BZ-SERIE: Reiner Janke ist Intonateur und bringt in March Orgelpfeifen die Flötentöne bei / Harmonie von Raum und Klang .

MARCH. Seit mehr als 150 Jahren baut die Familie Späth aus Ennetach Orgeln. In den 60 Jahren gründete Orgelbaumeister August Späth die Firma Freiburger Orgelbau mit Sitz in March-Hugstetten. Im Gebäude der ehemaligen Zigarrenfabrik an der Herrenstraße werden bis heute Orgeln gebaut und restauriert. Seit wenigen Jahren leitet der 30-jährige Tilman Späth in fünfter Generation das Traditionsunternehmen. Bereits fast 30 Jahre arbeitet Reiner Janke bei Späth – davon 26 als Chefintonateur.

Reiner Janke sitzt in einem kleinen Raum, zur Rechten ein Tischchen mit einem Laptop, zur Linken ein spartanischer Orgelspieltisch, dem allerdings das Instrument abhandengekommen zu sein scheint. Allein eine Reihe Orgelpfeifen unterschiedlichster Größen – von winzig wie eine Piccoloflöte bis stattlich wie eine Posaune – stecken etwas windschief in Holzbrettern hinter den zwei schlichten Manualen. Mit einer Pfeife von nahezu der Größe eines Dirk Nowitzki hantiert Eckard Dittmer, ebenfalls Intonateur bei Späth. Zwei Wände des Zimmers sind bis zur Decke mit Regalen versehen. Auch hier ruhen Orgelpfeifen aller erdenklichen Altersklassen, Formen und Größen. Was aber macht ein Intonateur? "Ich mache mit jeder einzelnen Pfeife Gesangsunterricht", antwortet Reiner Janke lachend, denn eine Orgel sei ein wenig wie ein Chor mit tausend und mehr Stimmen.

Wie Janke, Jahrgang 1959, auf die Orgel kam, ist schnell erzählt. "Ich bin als Orgelbauer geboren", sagt Janke, dessen Vater eine Orgelbauwerkstatt in der Nähe von Göttingen hat. Von Anfang an stand für Janke fest: Das will ich auch! Schon als Bub hat er beim Vater mitgeholfen, 1977 die Lehre im väterlichen Betrieb begonnen und bis 1984 zunächst auch dort gearbeitet. Das Gute an den Jahren daheim: Bereits zu Beginn seiner Lehre konnte Janke Orgeln komplett restaurieren und selbstständig intonieren. "Normalerweise braucht man dafür rund zehn Jahre Berufserfahrung", weiß Reiner Janke. Mitte der 1980er Jahre zog es den Gesellen aber doch hinaus. Nach einem Jahr bei einer Kasseler Orgelbaufirma landete er 1986 in der March – und dort ist er bis heute geblieben.

"Intonieren ist die Klanggestaltung der Pfeifen in der Orgel und der Orgel im Raum", nimmt Reiner Janke einen zweiten Anlauf zur Erklärung seines Berufsbildes, das, wie der Orgelbau selbst, stets irgendwo zwischen Kunst und Handwerk mäandert. Die Gesichtspunkte, nach denen die Pfeifen abgestimmt werden? Der Ton der Pfeife in sich, die Töne der Pfeifenreihen zueinander, die einzelnen Werke zueinander und schließlich alle Werke zum Raum, in dem die Orgel steht.

"Ich habe eine Klangidee

im Kopf, und die möchte ich so umsetzen, dass auch

andere sie erleben."

Zunächst einmal ist da aber die Rohpfeife, die aus einem Gemisch von 80 Prozent Zinn und 20 Prozent Blei besteht und, wie von Janke zuvor bestellt, in ihrer jeweiligen Größe und Art vom Pfeifenmacher kommt. Unter den Pfeifen gibt es zunächst zwei Typen, die Labial- oder Lippenpfeifen. Sie sind von der Tonerzeugung her mit einer Blockflöte zu vergleichen. Und die Lingual- oder Zungenpfeifen. Bei ihnen wird der Klang wie bei einer Klarinette erzeugt. Die Lippenpfeifen gibt es wiederum als Prinzipale, Streicher und Flöten, wobei letztere noch weitere Untergruppen haben.

Janke zieht immer neue Pfeifen aus Regalfächern und steckt sie in die Holzbretter hinter dem Spieltisch. Hier kann er jede einzelne Pfeife anspielen und den Klang auch zueinander überprüfen. Einzeln geht es auch mit schlichtem Reinpusten mittels Mund. Janke pustet in eine Pfeife, die frisch aus dem Werk kommt, was – gelinde gesagt – kläglich klingt. Nun wird auch dem bisher Ahnungslosen deutlich, was Janke und seine Berufskollegen leisten. "Je nach Größe bestimmen bis zu 55 Parameter den Klang der Pfeife", erklärt Janke. Diese, sie reichen F wie Fußlochkante bis Z wie zu eng anliegende Bärte, gilt es zu kennen und manuell aufeinander abzustimmen. Hier wird gebogen und gefeilt, verkürzt und verstärkt.

"Man muss es gezeigt bekommen, aber man muss es auch Nachempfinden", sagt Reiner Janke. "Eine Pfeife zum Klingen zu bringen, das geht rein handwerklich recht schnell. Aber ich habe eine Klangidee im Kopf, und die möchte ich so umsetzen, dass auch andere sie erleben", beschreibt Janke den künstlerischen Aspekt seines Handwerks.

Und was fasziniert ihn an der Königin der Instrumente besonders? "Es ist die Spannbreite von Erhabenheit bis Armut, das Jubeln zu Ostern, das Weinen zu einer Beerdigung", schwärmt der Intonateur. Aber auch der stilistische Aspekt mache das Musikinstrument ebenso komplex wie einzigartig, fährt er fort. "Auf einer Orgel von heute sollte man die Orgelliteratur von 300 Jahren spielen können", sagt Reiner Janke.

Seine Lieblingsorgel steht übrigens in der Kalavarienbergkirche in Wien, für die sie 1990 von der Firma Freiburger Orgelbau Späth gebaut wurde. "Das ist so wie die erste Liebe", gesteht Intonateur Reiner Janke.

Weitere Serienteile und Erklärstücke rund um das Thema Orgel gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
von Julius Steckmeister
am Fr, 09. Januar 2015

Badens beste Erlebnisse