"Wie schrecklich es ist, wenn man das ganze Verbandszeug sieht"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (4): Im Zug nach Saalfeld herrscht die größte Begeisterung, doch bei Sichtung eines Lazaretts kommen Bedenken auf.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Ab heute blicken wir Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

5. AUGUST 1914


Meta Iggersheimer,
im Zug bei Lichtenfels

Die ganze Nacht im Zug verbracht! Morgens ½ 6 Uhr in Saalfeld, reizendes Thüringer Städtchen. Nachricht von einer russischen Niederlage. Siebzig Russen und zehn Franzosen wurden in unserem Zug verhaftet. Es herrscht überall die denkbar größte Begeisterung. Die Bahnhöfe sind bis spät in die Nacht mit Menschen dicht besetzt, welche den vorüberfahrenden Reservisten ein lautes "Hurra!" zurufen. Kurzer Aufenthalt in Probstzella und Lichtenfels. Erneuerung des Eisernen Kreuzes. Die Deutschen rücken in breiter Front in Belgien ein.
Georg Becker, Würzburg
Am vierten Mobilmachungs- und meinem Gestellungstag meldete ich mich um ½ 8 Uhr in der Kaserne des 2. Train-Bataillons. Ich erfuhr, dass die Kriegslazarettabteilung, der ich zugehöre, in der Turnhalle in der Huttenstraße sei. Um ½ 12 Uhr hatte man uns bestellt, um uns dem Generaloberarzt vorzustellen. Er war ein 67er, der schon im Krieg 70 mit gewesen, eine schöne charakteristische Soldatenerscheinung, von Henn aus Bodenheim. Die Mannschaft betrug neunzig Mann. Es stellte sich bald heraus, dass niemand recht Bescheid wusste und der Trainleutnant der Einzige war, der etwas von der Sache verstand. Das Einzige, was von ärztlichem Material vorhanden war, war ein großer zahnärztlicher Kasten. Verbandsmaterial, Instrumente, hieß es, würden wir von den Feldlazaretten, die wir übernehmen müssten, bekommen. Die von oben angeordnete ärztliche Funktion, das Impfen des ganzen Kriegslazarettpersonals, war nicht möglich.

Mädchen, Karlsruhe

Wilhelm ist schon in der Kaserne. Er kam gestern mit einem Bekannten, Herrn Holthusen, einem sehr netten Menschen, zum Essen. Die jungen Leute sind alle begeistert. Heute hat England den Krieg erklärt. Jetzt heißt es, bis zum Letzten aushalten. Das Volk steht auf, der Sturm bricht los. Gestern Nachmittag habe ich schon fest im Roten Kreuz geholfen. Wie schrecklich ist es, wenn man all das viele Verbandszeug sieht und weiß, dass man es braucht und dass die Verwundeten es nötig haben.

Paula Busse, Bensberg bei Köln
Gibt es einen Gott, so muss er uns seinen Schutz verleihen, denn ungerechter und grundloser ist wohl nie ein Krieg vom Zaun gebrochen worden. Ich war heute Morgen mit meiner Schwester in der Schlosskapelle in Bensberg zum allgemeinen Gebet. So viele Menschen hat unser kleines Kirchlein wohl noch nie beisammen gehabt. Herrliche Worte sprach unser Militärpfarrer, die ich wohl nie vergessen werde.
Ernst Eberlein, Breslau, Schlesien
Übernachtet auf Strohsäcken, oft zwei Mann auf einem, gegen 2000 bis 3000 Mann in einem Saal. Welcher Staub! Welcher Geruch?!! Die Begeisterung stellt alle Widerwärtigkeiten in den Hintergrund. Früh um 8 Uhr Abmarsch nach Cawallen. Die militärische Tätigkeit bestand beim Arbeiterbataillon zunächst im Aufwerfen von Schanzen (9 m lang, 1 m hoch). In Cawallen jedes Haus voll Militär. Erste Abendmahlzeit bestand in einer Suppe und einer Scheibe Kommissbrot.

Jakob Krebs, Karlsruhe
Kürnbach, um 4 Uhr früh ein kurzer, aber schwerer Abschied, und fort geht’s einer dunklen Zukunft entgegen. Eine stattliche Zahl, fast lauter Familienväter, fahren wir 5.27 Uhr in Flehingen ab. In Bretten ein kurzer Abschied von den nach Bruchsal und Mannheim einberufenen Kameraden. Unser Zug geht erst 7.48 Uhr weiter. Ein Zug mit jungen Reservisten aus München für Metz erregt große Begeisterung durch die Ausschmückung ihres Zuges, an jedem Wagen hängen Bierflasche und Rettich. Um 10 Uhr melden wir uns in der Gottsauer- Kaserne beim Feldartillerie- Regiment 50, werden nach längerem Herumstehen eingeteilt, erhalten Bürgerquartiere, empfangen unsere Ausrüstungsstücke und geben abends noch unsere Zivilkleider zur Post.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Di, 05. August 2014


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