Wiederbelebung einer Bewegung

In den 90er Jahren boomten in Freiburg die Baugemeinschaften, dann brach die Entwicklung ab – nun sollen Baugruppen wieder mehr gefördert werden.

Anfang der 90er Jahre lud die Stadtverwaltung Freiburgs zu einer Infoveranstaltung: Was ist eine Baugruppe und wie funktioniert das? Im neuen Baugebiet Rieselfeld waren – zum ersten Mal – Flächen für Baugruppen reserviert; also Baugemeinschaften, bei denen sich Familien oder Einzelne zusammentun, gemeinsam ein Haus planen und bauen, und das ohne Bauträger. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Architekt Hubert Burdenski, heute Vorstand des Bundesverbandes Baugemeinschaften, erinnert sich: "Während der Veranstaltung hatte ich mich als Architekt zu Wort gemeldet. Nach der Veranstaltung sind die Leute praktisch über mich hergefallen. Für unser Projekt, das ’Blaue Haus’, haben sich über 100 Interessenten gemeldet, eingezogen sind schließlich 16 Familien."

Der Bau des "Blauen Hauses" im Anna-Müller-Weg gilt heute als Initialzündung für den Boom, den Baugruppen in Freiburg, Tübingen und anderswo erlebten. Allein im Rieselfeld bauten fast 100 Baugemeinschaften, in Vauban mehr als 50. Es wurde 2007 noch das baugruppengeprägte Neubaugebiet Wiehrebahnhof fertig – dann brach die Entwicklung ab. Von Baugruppen wurden nur noch kleinere Lücken im Stadtbild gefüllt. Dynamisch entwickelt sich die die Bewegung heute in Städten wie Berlin, Hamburg oder München.

Für Bauwillige gibt es gute Gründe, sich in einer Baugruppe zu organisieren: Vermarktungskosten und der Gewinn des Bauträgers entfallen; im Schnitt sind Baugruppenwohnungen etwa 15 Prozent günstiger als schlüsselfertig gekaufte. Zudem lernen solche Bauherren ihre Nachbarn bereits während der Planungen kennen. Das kann allerdings auch umgekehrt dazu führen, dass Gruppenkonflikte bereits in der Planungsphase auftreten – einige Baugruppen in Vauban holten Moderatoren dazu. Die meisten Baugruppen engagieren zudem Architekten oder spezialisierte Planer, die das Management übernehmen und die Gruppe entlasten.

Für Städte sind Baugruppen ebenfalls interessant: Meist entstehen hier Häuser von hoher architektonischer Qualität und hohem ökologischem Standard. Ihre Bewohner identifizieren sich stark mit ihrem Quartier. Allerdings machen Baugruppen den Stadtverwaltungen auch Arbeit: Entscheidungsprozesse dauern deutlich länger als bei einem professionellen Bauträger. Und: In Baugruppen findet sich überwiegend akademisch gebildetes Klientel zusammen, weshalb Baugruppen typischerweise in Universitätsstädten entstehen.

In Freiburg will die Stadtverwaltung Baugruppen in Zukunft wieder mehr fördern. So sind im Neubaugebiet Gutleutmatten Flächen für sie reserviert und im "Handlungsprogramm Wohnen", das bald beschlossen werden soll, ist eine "Informationsplattform" für Baugruppen angedacht. Bislang gibt es in der Stadtverwaltung noch keine Stelle, an die sich Baugruppen zur Unterstützung wenden können. Die Hauptsache aber, findet Architekt Hubert Burdenski, ist ein Festpreis für Grundstücke: "Den muss die Stadt für Baugruppen festschreiben, andernfalls müssen die auf dem überhitzten Immobilienmarkt kapitulieren."
von si
am Sa, 30. März 2013

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