Worte als Wirklichkeit

In Kai Weyands neuem Roman geht es um die Liebe – vor allem um die zur Sprache.

Freiburg wird in Kai Weyands Roman "Die Entdeckung der Fliehkraft" nicht eigentlich genannt. Und doch erkennt man die Stadt am Gefängnis, in dem der Er-Erzähler als Lehrer arbeitet, am Münsterturm, den Fahrrädern und am Vorsatz seiner Bewohner, sich gegen ein feindliches Außen zu wappnen. Am 9. Oktober liest Weyand in der Reihe "Freiburger Andruck".

Was ist bloß mit der Liebe los? In A. L. Kennedys letztem Roman "Süßer Ernst" bietet ein gestandener Staatsdiener Frauen seine Dienste an. Er schreibt ihnen postlagernd Liebesbriefe, weil sein Sinn für Romantik im Leben nicht ausgeschöpft wird und weil er weiß, dass es auf weiblicher Seite einen Bedarf gibt.

Auf seine Weise ist auch der Protagonist von Kai Weyands Roman "Die Entdeckung der Fliehkraft" bedürftig. Karl Löffelhans befindet sich in der Lebensmitte, was die vorhersehbaren Probleme mit sich bringt: Die Beziehung zu seiner Frau Lydia war schon mal leidenschaftlicher, das Verhältnis zum Sohn könnte inniger sein, der endgültige Abschied vom Vater kündigt sich an und als Gefängnislehrer stehen ihm nicht mehr alle Karriereoptionen offen. Mit 40 Jahren braucht es mehr Kraft, in der Spur zu bleiben und den Tag nicht vor dem Abend verloren zu geben. Er beginnt mit einer Frau, die er vor mehr als einem Jahr auf einer Tagung kennengelernt hat, eine intensive Mailkorrespondenz. Man könnte auch sagen, er flirtet mit der Frau, von der ihm kaum mehr als ein Satz in Erinnerung ist.

Karls Schüler jedoch würden angesichts der Botschaften, die vom Smartphone ab- und dort eingehen, die Augen verdrehen. "Poetisierung des Elends" würde womöglich einer der Gefangenen sagen, der auf diese Weise Rilkes Gedicht "Der Panther" kommentiert hatte. Die Worte jedoch, die Karl und Karoline austauschen, werden für beide zu einem Anker in einem Alltag, in dem die Fliehkräfte doch recht stark wirken. Das, was lediglich in Worte gefasst wird, hat mehr Wirklichkeit als das gelebte Leben. Die beiden verlieben sich ineinander.

Im mittlerweile vierten Buch des Freiburger Autors geht es um Liebe, aber noch mehr um eine Liebe zur Sprache sowie eine Sprache der Liebe, die nicht einmal unbedingt ein menschliches Gegenüber braucht. Denn selbst ein Fahrrad, so der philosophierende Schrauber, den Karl mehrfach mit seinem kaputten Rad aufsucht, braucht Nächstenliebe, sonst geht es kaputt. Und überhaupt: "Egal durfte einem nichts sein." Hat man dies einmal verstanden, steht man in der Pflicht zur Genauigkeit. Doch je mehr Karl sich bemüht, die Worte und damit die Wirklichkeit nicht zu verlieren, desto mehr wird er zum Zauderer und desto unklarer werden ihm die moralischen Kategorien. Was soll man einem Häftling sagen, der als Soldat fürs Töten hoch dekoriert wurde, jedoch im Knast sitzt, weil er seine Schwester von ihrem gewalttätigen Mann befreite? Und was passiert mit einem selbst, wenn man die Gitterstäbe des Gefängnisses, das uns alle umgibt, lockert und dabei den Keim für ein Unglück legt.

Man liest "Die Entdeckung der Fliehkraft" nicht nur gerne, sondern mit Empathie für die Romanfiguren. Insbesondere für diesen Karl Löffelhans, der einerseits so sprachverliebt ist, dass er versäumt zu handeln und andererseits ein kluger Beobachter ist, der auch Unscheinbares beachtet und Marginales respektiert. So beschreibt er etwa das Abhandenkommen des Satzes "Wir lieben uns" und die zunehmende Selbstgerechtigkeit im Zusammenleben mit seiner Frau durch einen Austausch der Worte: "Aber Karl kam es mittlerweile so vor, dass sie vermehrt Sätze bildeten, die aus dem ’Wir’ ein ’Ich ’machten, aus dem ’lieben’ ein habe und das Pronomen ’uns’ in das Adverb recht verwandelten. Kaum ein Lebensbereich, so kam es ihm vor, den sie nicht unterschiedlich betrachteten."

Kai Weyands Romane waren noch nie Schwergewichte an Umfang, auch dieses Buch ist kaum 200 Seiten dick. Leichtigkeit kann man dem Schweren durch eine sprachliche Genauigkeit verleihen, die das Skurrile im Alltäglichen sichtbar macht. Mehr Seiten braucht es da nicht. Egal jedenfalls ist in "Die Entdeckung der Fliehkraft" nichts.

Kai Weyand, Die Entdeckung der Fliehkraft, 198 Seiten, Wallstein Verlag, 20 Euro.
Lesung: Mittwoch, 9. Oktober, 20 Uhr, Theater Freiburg, Winterer-Foyer

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von Annette Hoffmann
am So, 06. Oktober 2019

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