Kein Festivalsommer

ZMF, I EM Music, Sea You, Tote Hosen und viele weitere Events fallen aus

Südbadens Veranstalter reagieren auf das Verbot von Großveranstaltungen bis 31. August. ZMF, I EM Music, Sommersound und Sea You fallen 2020 aus, ebenso alle Veranstaltungen von Vaddi Concerts. Auch das Konzert der Toten Hosen in Konstanz findet nicht statt.

Am Donnerstagnachmittag wurde bekannt, das die Düsseldorfer Band nicht wie geplant am 5. September im Bodenseestadion auftreten wird. Ein Ersatztermin im Jahr 2021 werde gesucht, teilte der Veranstalter Kokon Entertainment mit.

Bereit seit Mittwoch war klar, dass das Elektro-Event Sea You am Freiburger Tunisee ins Wasser fällt. Das hat Veranstalter Bela Gurath gegenüber der Badischen Zeitung bestätigt. Die Veranstalter von Stimmen in Lörrach, der Kur-Park-Open-Airs und des Metalfestivals Baden in Blut in Weil am Rhein diskutieren derzeit noch, ob und wie es weitergeht. Ein letzter Strohhalm ist dabei die Antwort auf die Frage, was als Großveranstaltung gilt, also ab welcher Besucherzahl abgesagt werden muss.

Kretschmann: Obergrenze wird erst noch definiert

Die Definition obliegt dem Land Baden-Württemberg und wird noch etwas auf sich warten lassen. Ministerpräsident Kretschmann erklärte am Donnerstag in der Regierungspressekonferenz in Stuttgart, dass an einer Konkretisierung gearbeitet werde. Die überarbeitete Verordnung werde voraussichtlich am Freitagabend veröffentlicht. Sie regelt alle Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die im Zusammenhang mit der Corona-Krise in Baden-Württemberg gelten. Ob darin bereits auch das Thema Großveranstaltungen konkreter geregelt wird, blieb am Donnerstag unklar. Denn aus der Regierung ist auch zu hören, dass für die Großveranstaltungen ein bundeseinheitliches Vorgehen gewünscht ist und eine genauere Definition auf der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz am 30. April vorgenommen werden könnte [Anmerkung der Redaktion: Diese Passage wurde im Vergleich zur früheren Version des Beitrags präzisiert.]

Notausgabe von Stimmen?

Das wollen die Veranstalter von Baden in Blut noch abwarten. Sollte das Festival ausfallen müssen, werde man versuchen, "das Billing komplett mit in das Jahr 2021 zu nehmen." [Anmerkung der Redaktion: In einem anderen Beitrag zum Festivalsommer war fälschlicherweise die Rede davon, dass Baden in Blut bereits abgesagt ist. Das ist bisher nicht der Fall.

Das Stimmen-Festival wird nicht wie angekündigt über die Bühnen gehen, bestätigte Lörrachs Oberbürgermeister Jörg Lutz am Donnerstag auf Anfrage der BZ. Ganz abschreiben aber will er Stimmen 2020 noch nicht. Ziel sei eine "Notausgabe".

Die Marktplatzkonzerte, die in der Vergangenheit bis zu 5000 Besucher anzogen, werde es sicher nicht geben. Eine "abgespeckte" Variante hänge von den Vorgaben des Landes ab. Sollte die Toleranzgrenze bei 100 oder gar 50 Besuchern liegen, wären alle Überlegungen hinfällig. Läge das Limit dagegen bei 200 Besuchern oder gar mehr, sehe er gewisse Spielräume – im Rosenfelspark oder auch an anderen Orten, die ohnehin für kleinere Zuschauerzahlen konzipiert sind.

Allerdings müssen auch dafür zum Teil noch Bands gefunden werden. Denn viele international angelegte Tourneen fänden angesichts der Pandemie erst gar nicht statt. Insofern sei auch da nur eine Corona-angepasste Variante mit einem Schwerpunkt auf regionalen und lokalen Künstlern denkbar, so Lutz. Die aber seien vermutlich froh über Auftrittsmöglichkeiten.

ZMF-Organisatoren haben sich bereits entschieden

Dass Zelt-Musik-Festival in Freiburg hat sich entschieden, nicht auf die aktualisierte Corona-Verordnung zu warten. Um 13.09 Uhr kam am Donnerstag die offizielle Absage. Derzeit werde noch geklärt, ob einzelne Konzerte auf das nächste Jahr verlegt werden, in dem das ZMF vom 21. Juli bis 8. August stattfinden soll, steht in einer Pressemitteilung. Eine detaillierte Auskunft über die Regelungen für Ticketkäufer erfolge zeitnah.

"Für uns wäre es eine Katastrophe gewesen, wenn wir weiterhin im Unklaren geblieben wären." Christoph Römmler, Karo Events
Auch Christoph Römmler, Geschäftsführer von Karo Events, hat sich bereits zu einem klaren Schnitt entschieden. Sämtliche Festivals werden mitsamt dem geplanten Programm ins Jahr 2021 verschoben, die Tickets behalten ihre Gültigkeit. Karo Events richtet I EM Music in Emmendingen, Sommersound in Schopfheim, VS-Sommersound in Villingen-Schwenningen und die Covernights in Müllheim aus. "Es ist gut, dass wir jetzt Planungssicherheit haben", so Römmler. "Für uns wäre es eine Katastrophe gewesen, wenn wir weiterhin im Unklaren geblieben wären. So können wir nun an die Terminplanung gehen." Da diese bereits für 2021 weit gediehen war, werden zu den bereits bekannten Künstler, die für 2020 vorgesehen waren, weitere Bands und Sänger hinzukommen, die Festivals also länger dauern und mehr Programmpunkte umfassen, als bisher, kündigte Römmler an. Er hoffe, bis Ende kommender Woche konkreter werden zu können, was Programme und Termine angehe.

Selbes Programm – nur ein Jahr später: So will auch Raphael Kofi verfahren, der Mann hinter dem African Music Festival in Emmendingen. Rolf Rubsamen, Geschäftsführer der Kur und Bäder GmbH in Bad Krozingen, hofft derzeit noch, wenigstens die bestuhlten Konzerte der Open-Air-Reihe im Kurpark retten zu können – falls die Grenze für Großveranstaltungen bei 1000 gezogen würde. Abgesagt hat er aber bisher keine der geplanten Veranstaltungen.

Marc Oßwald, Geschäftsführer der Freiburger Agentur Vaddi Concerts begrüßt die Entscheidung Angela Merkels und der Bundesregierung vom Mittwochabend: "In der aktuellen Situation ist es nur konsequent und richtig Großveranstaltungen abzusagen, ich habe dafür volles Verständnis. Natürlich ist es schade und für alle Musikfans äußerst bedauerlich, dass große Konzerte unter anderem mit Udo Lindenberg, Annenmaykantereit oder SDP in Freiburg oder die Sommerfestivals in Balingen, Rastatt und Tettnang 2020 abgesagt werden müssen. Auf der anderen Seite ist die Entscheidung der Bundesregierung richtig und eine verständliche Sicherheitsmaßnahme zum Schutz der Bevölkerung."

In Einzelfällen werden Veranstaltungen ersatzlos abgesagt werden müssen, schaut Oßwald voraus. Für viele Veranstaltungen von Vaddi Concerts, die
zwischen März und August 2020 hätten stattfinden sollen, seien bereits neue Termine für Spätherbst 2020 oder Winter/Frühjahr 2021 gefunden worden. Gemeinsam mit den Tourneeveranstaltern werde an weiteren Lösungen gearbeitet, deshalb bitte er Besitzer bereits gekaufter Karten noch um Geduld. Eine Gutschein-Regelung für alle bereits gekauften Veranstaltungstickets sei außerdem gemeinsam mit der Bundesregierung in Arbeit und solle in Kürze veröffentlicht werden.

von Peter Disch, Nicolai Ernesto Kapitz, Hans-Peter Müller, Michael Baas, Jens Schmitz, Christopher Ziedler
am Do, 16. April 2020 um 18:20 Uhr

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