"Zu essen gab’s zur Abwechslung mal wieder nichts"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (25): Fliehende Elsässer in Freiburg, Kreuzer versenkt, Siegesnachrichten – und ein freudiges Wiedersehen.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen, und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

29. AUGUST 1914

Josef Glaser, Komarów,

Russisch- Polen


(...) Bei dem gegenseitigen Artilleriekampf gehen die Geschosse über unsere Köpfe. (...) Das Infanteriefeuer wird stärker, besonders unangenehm ist das Maschinengewehrfeuer. (...) Nervenaufpeitschend wirken die Aufschreie der Getroffenen und das Stöhnen und Wimmern der Verwundeten. Ein Schlag reißt mir die Kappe vom Kopfe, Blut rinnt ins Gesicht, Bewusstsein verloren. Beim Erwachen um ½ 6 Uhr Abend liegt ein Toter quer über mir. Eine russische Patrouille steht mit schussbereiten Gewehren vor mir und nimmt mir Säbel und Pistole ab, ehe an Widerstand zu denken ist. (...) Der russische Arzt, der verbindet, stellt leichten Streifschuss am Kopf fest, der in acht Tagen geheilt sein kann. (...)

Carl Emil Werner, Freiburg

Hier wimmelt’s von geflüchteten Elsässern. Den Elsässern scheint man manches Unrecht getan zu haben, indem man ihnen Hinterlist gegen unsere Truppen vorwarf, während tatsächlich französische Soldaten die Schuldigen waren. (...) Unser Freiburg ist so schön und friedlich, dass man fast nicht glauben kann, dass so Furchtbares vor sich geht.

Paula Busse, Bensberg bei Köln

Die Siegesnachrichten häufen sich, man kann sich schon gar keinen Tag mehr vorstellen, ohne dass eine Siegesnachricht einträfe. Heute kam folgendes Telegramm raus: Unsere Truppen in Ostpreußen unter Führung des Generaloberst von Hindenburg haben die russische Narew-Armee (...) geschlagen und verfolgen sie über die Grenze. – Ein schöneres Geburtstagsgeschenk konnte Ingelein wohl nicht beschert werden, indem heute Morgen um 7 Uhr mein geliebter Mann auf zwei Tage zu uns kam. Nein, war das ein Jubel und eine Freude, vergessen alle Trübsal und Trauer, als ich wieder in seinen Armen lag. (...)

Adolph Mathaei, Cuxhaven

Nachmittags gegen vier Uhr saß ich wie gewöhnlich am Deich, als hintereinander zehn bis zwölf Schlepper von der See hereinkamen. Gewiss brachten sie Leichen und Gerettete aus dem Seegefecht! Abends wurden durch amtliche Depesche die trüben Gerüchte bestätigt: drei Kreuzer und ein Torpedoboot gesunken. Das war ein Dämpfer auf die Freude über die eben vorher gemeldeten Siege bei Saint-Quentin und Gilgenburg-Ortelsburg!

Otto Gehrke, Petit Doische, Belgien
Romerée ein freundlicher Ort, ebenso die Leute. Bekommen Milch, bezahlen alles, trotzdem sie nichts annehmen wollen. (...) Müssen noch einen mächtigen Berg besteigen, in der Hitze eine unheimliche Arbeit. Liegen jetzt auf einer Wiese. Geschosse krepieren weit vor uns. (...)

Willy Straub, bei Louppy-sur-Loison, Frankreich

(...) Nun ging’s aber los. Im Hohlweg im Graben lagen die Roten Teufel haufenweise übereinander. Wir fuhren im Galopp drüber weg. Die Leichen bogen sich oft ganz, wenn die schweren Räder darüber weggingen. Als wir Halt machten, lagen wie gesät Gewehre, Seitengewehre, Tornister und sonst noch alles Mögliche und Unmögliche umher. (...) Zu essen gab’s zur Abwechslung mal wieder nichts. (...) Ich habe seitwärts, wo scheint’s noch keiner hinkam, einen französischen General und noch zwei höhere Offiziere verwundet aufgefunden. Der General konnte gut Deutsch. Er bat mich um Wasser. Ich hatte noch zufällig Kaffee in meiner Feldflasche. Ich gab’s ihm. Ich bekam dafür eine Schachtel französischer Zigarren. Ich wurde natürlich mit großem Hallo empfangen, und im Nu war auch die Kiste leer.

Georg Becker, Bensdorf,

Elsass- Lothringen


Ich sitze in dem Garten des leeren Lazaretts und lese Dumas "Collier de la Reine". Der ganze Dumas steht in meinem Zimmer.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Fr, 29. August 2014


Badens beste Erlebnisse