Zugleich reizvoll und herausfordernd

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Orgelprofessor und Domorganist Gerhard Gnann aus Staufen informiert über den Beruf des Kirchenmusikers.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. "Eine Kirche ohne Orgel ist wie ein Körper ohne Seele." Mit diesen Worten zitiert Gerhard Gnann den Theologen, Organisten und Arzt Albert Schweitzer. Die Kirchenmusik – speziell das Orgelspiel – ist ein wichtiger Bestandteil, das Evangelium mit Klängen zu verkündigen, findet Gnann, der in Grunern lebt, als Professor in Mainz das Orgelspiel lehrt und es als Domorganist im Freiburger Münster selbst ausführt. Nicht nur an Weihnachten – aber besonders an Kirchenfesten – wird deutlich, wie wichtig Musik im Gottesdienst ist. Die BZ befasst sich deshalb in einer Serie mit den Orgeln im Landkreis und den Menschen, die sie spielen.

DER BERUF
Zugegeben: Die Arbeitszeiten eines Kirchenmusikers sind auf den ersten Blick nicht besonders attraktiv. Ausschlafen oder gemütlich frühstücken am Sonntagmorgen ist nicht drin. Und: Viele Abende sind mit Chorproben verplant. Denn nur mit Orgelspielen ist es nicht getan. Wer von der Kirchenmusik leben möchte, leitet in der Regel auch mehrere Chöre und bildet nebenberufliche Kirchenmusiker aus. "Ein bisschen familienunfreundlich ist dieser Beruf schon", gesteht Gerhard Gnann. Dafür könne ein Großteil der Arbeitszeit frei gestaltet werden. Das ist Gnann zufolge Fluch und Segen zugleich, denn: "Es gibt gefühlt keinen Feierabend." Ohne Frage hat der Kirchenmusiker einen sehr kreativen und vielseitigen Beruf, der aber auch "viel psychologisches Einfühlungsvermögen verlangt". Schließlich habe man mit den unterschiedlichsten Menschengruppen zu tun. Dass er Zuhörer mit seiner Musik berühren kann, ist einer der Aspekte seines Berufs, die Gnann sehr schätzt.

Ein weiterer Vorteil, zumindest was die Arbeit an der Orgel betrifft, "sind die großartigen Räume, in die man hineinmusizieren darf". Gnann findet seinen Beruf zugleich reizvoll und herausfordernd. Das Üben wird übrigens auch nach dem Studium nicht weniger: Um sein Repertoire zu pflegen und ständig zu erweitern sollten Kirchenmusiker einige Stunden täglich am Instrument verbringen.

DER WEG
Wer Kirchenmusik studieren möchte, muss sich gut vorbereiten, denn am Anfang steht die Aufnahmeprüfung. Die Kandidaten müssen ihre Eignung unter anderem in den Fächern Orgel- und Klavierspiel, Gehörbildung und Gesang nachweisen. "Wer es geschafft hat, bleibt in der Regel dabei – etwa 90 Prozent schließen das Studium auch erfolgreich ab", sagt Gnann. Und das, obwohl es sehr anspruchsvoll ist. "Der Studiengang ist luxuriös, aber auch sehr fördernd, weil man sehr viel Einzelunterricht bekommt."

Kombiniert werden kann Kirchenmusik auch mit Schulmusik. Damit halten sich Studierende die Option offen, (Gymnasial-)Lehrer zu werden. Acht Semester dauert die Regelstudienzeit für den Bachelor (B-)Abschluss, vier weitere Semester können für den Master (A-)Abschluss drangehängt werden. Übrigens entscheiden sich immer mehr Frauen für diesen Beruf. Während früher fast 90 Prozent der Kirchenmusikstudenten männlich waren, ist das Verhältnis heute ausgewogener.

DIE AUSSICHTEN
"Die Chancen für Absolventen sind derzeit ziemlich gut – und deutlich besser als noch vor 40 Jahren", sagt Gerhard Gnann. Wer sein Studium erfolgreich abschließe, bekomme in der Regel auch eine Stelle. Das liegt dem Orgelprofessor zufolge daran, dass heute weniger Menschen Kirchenmusik studieren, es also weniger Nachwuchs gibt als noch vor ein paar Jahren. Allerdings treffe das nur auf Deutschland und die skandinavischen Länder zu. In romanischen Ländern seien die Aussichten nicht gerade rosig. Gnann begründet das unter anderem mit der Bezahlung der Kirchenmusiker, die durch die Kirchensteuereinnahmen in Deutschland gesichert ist.

Die Chancen sind übrigens gleich gut, egal ob ein Kirchenmusiker bei der katholischen oder der evangelischen Kirche eine Anstellung sucht. Das bestätigt Kord Michaelis, Präsident der Direktorenkonferenz Evangelische Kirchenmusik.

DER NEBENJOB
Auch die meisten nebenberuflichen Kirchenmusiker haben gut zu tun. Die Voraussetzung für die Übernahme des Organistendienstes ist es natürlich, Orgel spielen zu können. Wer das lernen möchte, kann sich an das Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg oder das Haus der Kirchenmusik der Evangelischen Landeskirche in Baden wenden.

Es gibt sowohl bei der evangelischen als auch der katholischen Kirche die Möglichkeit, günstig kirchenmusikalischen Unterricht zu nehmen, oder gleich eine ganze Ausbildung zu machen. Bei der evangelischen Kirche gibt es die sogenannte D-Ausbildung, beide Kirchen bieten die anspruchsvolle und umfangreiche C-Ausbildung an. Diese dauert mehrere Jahre und umfasst ein breites Spektrum. Bei der evangelischen Kirche können sich Interessenten zwischen den Schwerpunkten Orgelspiel oder Chorleitung entscheiden, bei den Katholiken umfasst die C-Ausbildung beides.

Im Rahmen dieser Ausbildung gibt es außerdem Unterricht in Fächern wie Liturgik, Singen und Sprechen, Tonsatz, Gehörbildung, Musikgeschichte und Orgelkunde. Beide Kirchen bieten jedes Jahr mehrwöchige Fortbildungen an.

"Die Strukturen sind bei beiden Kirchen ähnlich", erklärt Michaelis. Bei der A- und B-Ausbildung, also dem Kirchenmusikstudium, seien die Prüfungsordnungen sogar identisch. Bei der C-Prüfung ist das nicht der Fall. "Das hat aber nichts mit dem Niveau zu tun, sondern damit, dass in der evangelischen Kirche das Orgelspielen nicht so viel Raum einnimmt wie bei den Katholiken", erklärt Michaelis.

Mehr zum Thema gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
von Kathrin Blum
am Sa, 06. Dezember 2014

ZUR PERSON: Gerhard Gnann

Der 52-Jährige wuchs als jüngstes von sechs Kindern auf einem oberschwäbischen Bauernhof auf – unterhalb einer Kirche. Das ist auch der Grund, warum dem Pfarrer auffiel, wie fleißig der kleine Gerhard schon in jungen Jahren Klavier übte. Der Seelsorger, selbst Musiker, führte ihn deshalb zum Orgelspiel.

"Von Anfang an war ich fasziniert von diesem Instrument", erinnert sich Gerhard Gnann. Bereits mit 14 Jahren spielte er die ersten Gottesdienste, spätestens mit 16 stand für ihn fest: "Ich will unbedingt Organist werden." In Freiburg und Basel studierte Gnann schließlich Kirchenmusik, beziehungsweise Orgel, in Amsterdam spezialisierte er sich auf Alte Musik. Seine erste Stelle als Bezirkskantor führte ihn ins Münstertal, bevor er vier Jahre später einen Lehrstuhl für künstlerisches Orgelspiel in Mainz bekam. Heute ist er nicht nur Orgelprofessor, sondern auch Domorganist am Freiburger Münster. Gnann lebt mit seiner Familie in Grunern.  

Autor: kbl

ZAHLEN

»Anzahl der Orgeln in Kirchen in Deutschland: etwa 50 000
»Orgeln in Konzertsälen: zirka 50
»Anzahl hauptberuflicher Kirchenmusiker: 1560 katholische und 1920 evangelische
»Anzahl Orgelstudierender (Kirchenmusik) 2010: etwa 550
»Anzahl eingetragener Orgelbaubetriebe: etwa 300
Quelle: Länderberichte – Gegenwart und Zukunft der Orgel  

Autor: kbl

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