Streifzug durch die Geschichte

Industrie prägt das Wesen der Stadt

200 Jahre Stadt Herbolzheim sind vor allem eines: 200 Jahre Wirtschaftsgeschichte. Die Industrialisierung begann mit der Leinenweberei und der Zigarrenindustrie.

HERBOLZHEIM. Fabriken wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Arbeitgeber der Stadt. "In Herbolzheim", sagt der Historiker Hartmut Zoche, "war die Industrie schon immer stärker ausgeprägt als anderswo."

Der Waldkircher kennt sich aus mit der Stadtgeschichte: Anfang der 90er Jahre ordnete er das Archiv der Stadt, in Kreisbeschreibungs-Bänden porträtierte er schon mehrere Städte und Dörfer der Region. "Ich habe eine freche These", sagt er. "Während im Amtsstädtchen Kenzingen eher die Bürokratie angesiedelt war, waren in Herbolzheim Gewerbe und Handel stark vertreten."

Das Jahr 1834 ist mit Sicherheit eines der wichtigsten der Stadtgeschichte: Damals eröffnete Karl Kuenzer die erste Fabrik in Herbolzheim, eine mechanische Leinenweberei. Die Industrialisierung setzte ein und sollte das Gesicht des Städtchens nachhaltig verändern. 33 Herbolzheimer Bürger bekamen das nicht mehr mit. Sie wanderten im Jahr 1843 nach Tovar in Venezuela aus. Der Grund: Armut, überwiegend jedenfalls. Das galt auch für die 80 Brogginger, die in den Folgejahren den Breisgau verließen, um in Amerika ihr Glück zu finden.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung ein. In kurzer Folge entstanden zwischen 1854 und 1873 drei große Fabriken – die von Arnold Schindler, Ludwig Heppe und Johann Neusch. Deren Unternehmen hatten eine Gemeinsamkeit: Sie stellten Zigarren her. Um die Jahrhundertwende beschäftigte die Tabak verarbeitende Industrie schon 500 Einwohner – jeder fünfte Herbolzheimer rollte Stumpen. Die Arbeitsverhältnisse waren hart: In der Tutschfelder Niederlassung der Firma Neusch wurde zum Teil über 64 Stunden pro Woche gearbeitet.

Günstig war, dass die Stadt an einer wichtigen Handelsstraße lag und im Jahr 1845 an die Eisenbahnlinie angeschlossen wurde. Ebenfalls ein wichtiger Faktor: Die so genannte Realteilung. Ackerland wurden nicht als ganzes übergeben, sondern unter den Söhnen aufgeteilt. Folge: Die Bauernhöfe wurden kleiner und unrentabler – und viele Menschen mussten anderswo nach Arbeit suchen.

Die Industrialisierung versetzte der Stadt einen ordentlichen Wachstumsschub. Noch im Jahr 1870 stand zwischen Friedrichstraße und Bahnlinie kein einziges Wohnhaus – nur ein Tabakschopf und eine Ziegelhütte. Das änderte sich in den nächsten Jahrzehnten, als sich mehrere Fabrikanten im Westen der Stadt repräsentative Villen hochziehen ließen. Die kurbelten die Wirtschaft an. Und zeigten sich spendabel: Die Industriellenfamilie Schindler legten im Jahr 1899 mit einer Stiftung den finanziellen Grundstein für den Bau des Krankenhauses.

Der Rubel rollte. Im Jahr 1910 wurden pro Woche 11 bis 12 Millionen Zigarren hergestellt. In den Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatten sich weitere Betriebe in der Stadt angesiedelt. Die Hufeisen- und Maschinenfabrik Vieser und die Stahlbaufirma Greschbach, zum Beispiel. Ein großes Glück für die Stadt – denn die Leinenweberei und die Zigarrenindustrie verloren in den 30er und 40er Jahren mehr und mehr an Bedeutung. Der Zweite Weltkrieg tat sein Übriges: Anfang der 50er Jahre mussten mehrere alteingesessene Firmen für immer das Licht ausschalten.

Die Landwirtschaft hat mehr und mehr an Bedeutung verloren

Andere überlebten, neue kamen hinzu. Freyler und Papst-Motoren, zum Beispiel. Und die Bundeswehr – die eröffnete in Herbolzheim ein großes Gerätedepot und avancierte zu einem wichtigen Arbeitgeber. Dafür verlor eine anderer Wirtschaftszweig in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung: Die Landwirtschaft. Sie wurde mehr und mehr zum Nebenerwerb.

Die Stadt hat ihr Gesicht verändert. Dort, wo sich heute der Marktplatz befindet, stand früher eine Fabrik. Auf dem Gelände der alten Leinenweberei Kuenzer entstanden Reihenhäuser, eine Seniorenwohnanlage und moderne Büroräume; das ehemalige Torhaus der Fabrik wurde zu einer Art kleinem Bürgerhaus mit Bibliothek, Veranstaltungssaal und Trauzimmer umgebaut. Und dort, wo früher in der Zigarrenfabrik von Johann Neusch Stumpen im Akkordbetrieb gerollt wurden, haben heute unter anderem Arztpraxis, eine Tanzschule und ein Englisch-Lernstudio ihre Räume – in den Stockwerken darüber wurden große Loft-Wohnungen hochgezogen.

Die Bundeswehr hat das Gerätehauptdepot mittlerweile aufgegeben. Die Fabriken, die früher noch mitten in Herbolzheim angesiedelt waren, zogen nach Westen. Die Stadt wuchs in Richtung Autobahn, dort sitzen mittlerweile das Logistikunternehmen DHL, der Felgenhersteller BBS und der Autohof, eine Teerwüste mit Hotel, Tankstelle und Fastfood-Tempeln.

Der profitiert nicht nur vom Europa-Park, sondern von einem anderen Wirtschaftsfaktor, der schon vor Jahrhunderten wesentlich zum Wohlstand der Stadt beigetragen hat: Der geographischen Lage an einer überaus wichtigen Nord-Süd-Verbindung.
von Patrik Müller
am Mi, 17. Februar 2010 um 16:26 Uhr

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