Film

Seit 40 Jahren ist Günter A. Buchwald als Stummfilmmusiker unterwegs

Stummfilmmusiker.de heißt Günter A. Buchwalds Web-Site. Genau das ist er – seit 40 Jahren: Stummfilmbegleiter, -komponist und -dirigent. Ein BZ-Gespräch mit dem Freiburger Künstler.

BZ: Herr Buchwald, wann waren sie das letzte Mal privat im Kino, einfach nur, um einen aktuellen Film zu sehen?
Buchwald: Das ist noch gar nicht so lange her, auch mit den Kindern muss man sich den einen oder anderen Film anschauen.

BZ: Können Sie sich im Kino entspannen, oder tickt die Maschine, die die Musik beurteilt, stetig mit?
Buchwald: Ich erinnere mich an "Herr der Ringe". Die an sich schöne Musik wurde ständig vom Cutter an einer Stelle abgeschnitten – ich habe es fast nicht mehr ausgehalten. Da kann der Komponist aber nichts dafür. Ich bin nur wegen meiner Frau geblieben.

BZ: Sie machen seit 40 Jahren Filmmusik. Wie hat sich das Virus Filmmusik in Ihnen festgesetzt?
Buchwald: Es war zunächst Zufall. Das Kommunale Kino in Freiburg wollte die Filmhistorie Stummfilm bedienen. Wie in Frankfurt schon gängig, sollte auch in Freiburg ein Pianist Filme begleiteten. Die Aufgabe reizte mich sehr, über mehrere Ecken wurde ich zusammen mit einem Kollegen ausgewählt. Wir haben dann zu zweit den "Glöckner von Notre Dame" begleitet.

Schon als Kind habe ich improvisiert, alles nach Gehör gemacht. In der Rückschau wird mir klar, wie ich zu Filmmusik kam. Zwei Jahre zuvor hatte ich an einem Seminar des "Filmmusikpapstes" Enjott Schneider teilgenommen. Zeitgleich war ich mit meiner Freundin in der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum", mit Musik von Hans Werner Henze, fand diese genial und bewegend. Nach dem Film standen wir draußen und ich sagte: "Die Musik war doch grandios." Die Antwort meiner Begleitung: "War da Musik dabei?"

Schon in meiner Kindheit bin ich mit Stummfilmen, bedingt durch meinen Musiklehrer, aufgewachsen. Zu dieser Zeit begann ich das Komponieren. Wir haben kleine Opern geschrieben, das habe ich dann weitergeführt. Meine erste richtige Notation war: einen gehbehinderten Menschen zu musikalisieren.

BZ: Durch den Tonfilm ist die Existenz von Filmmusik zu Stummfilmen lange Zeit in den Hintergrund gedrängt worden, bis es zu einer kleinen Stummfilm-Renaissance kam. Hat sich Ihr Interesse unabhängig davon entwickelt?

Buchwald: Ich bin ein Teil dieser Renaissance. Der Auftrag der Kommunalen Kinos war, so wie sie sich politisch verstehen, abseits des Mainstreams – sie wollten filmhistorisch erziehen. Gleichzeitig stellten Archive die Frage: Was machen wir mit dem Erbe? Das Material begann zu zerfallen. 1980 habe ich meine Examensarbeit an der Musikhochschule über die Semiotik der Stummfilmmusik geschrieben. 1979 fand das erste Symposium über Stummfilmmusik in Berlin satt. Ich war einer der Ersten in Deutschland und Europa, der über Filmmusik schrieb.

BZ: Haben Sie das Gefühl, das Publikum reagiert heute anders auf Live-Musik während eines Films?
Buchwald: Es ist etwas Besonderes. Einige Leute kommen immer noch ins Kino und sagen, so etwas haben sie noch nicht erlebt. Sie wissen, es gibt nur diese eine Vorstellung, die so geklungen hat. In Freiburg machen wir seit 1998 Stummfilme mit Orchester am Theater, sie sind stets gut und von einem interessierten Publikum besucht. Aber auch das große Festival in Pordenone in Italien gibt es seit 36 Jahren. Die Renaissance dauert schon sehr lange.

BZ: Wie hat sich die Funktion der Musik im Film verändert?
Buchwald: Ich habe Quellen aus den zwanziger Jahren gelesen, dem Beginn der Filmmusik-Kritik. Es gab empörte Berichte von Kritikern, die von Musik wie eine Wassersuppe berichteten. Die Musik soll sich nicht in den Vordergrund drängen, "music must be felt" – der Grad des Bewusstseins ist unterschiedlich.

BZ: Ist das ein Grund dafür, dass es im Kreis der Musikologen ein Naserümpfen gab, weil Filmmusik eine dienende Funktion hat und keine absolute, wie etwa beim Prototyp Beethoven?
Buchwald: Möglicherweise, ich sehe aber noch einen zweiten Grund, der von Hollywood ausgeht. Filmmusik ist als Genre stilistisch eingeengt. Komponisten aus dieser Zeit mussten die Orchestrierung abgeben. Einem Komponisten wie Erich Wolfgang Korngold wird vorgeworfen, seine Musik klinge wie Filmmusik; dabei war er es, der dieses Genre etabliert hat. Schwierig!

Gerade erst habe ich die Musik zum Stummfilm "Das Phantom der Oper" gehört, die von einem Filmkomponisten rekonstruiert wurde. Es ist ein Genre, das nicht immer kreativ ist, und das macht man ihm zum Vorwurf. Man muss es differenziert betrachten.

BZ: Wann ist für Sie Filmmusik ideal?
Buchwald: Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Sie muss zum Film passen und darf mich beim Sehen nicht stören.

BZ: Sie beschäftigen sich vielgleisig mit Filmmusik. Es gibt Günter Buchwald als Komponisten, als Dirigenten bei Aufführungen mit größeren Klangkörpern und als Interpret auch in kleinen Besetzungen. Was davon machen Sie am liebsten?

Buchwald: Ich bin froh, dass ich beide Felder, das Komponieren und das Improvisieren habe. Beim Dirigieren von Partituren habe ich das gleiche Ziel wie alle Dirigenten, nämlich dem Werk möglichst gerecht zu werden. Ich höre sehr viel Originalmusik aus den zwanziger und dreißiger Jahren, um dem Geist nahezukommen und mit dem Orchester musikalisch zu arbeiten.
BZ: Stichwort Synchronität zwischen Musik und Film. Ist das reine Übungssache?

Buchwald: Man muss den Film mehr oder weniger auswendig kennen. Wenn ich mir eine neue Partitur erarbeite, übe ich zwischen drei und sechs Monaten, um beides zusammenzubekommen. Man muss die Abläufe auswendig kennen. Manchmal stellt sich die Synchronität auch schon im Kopf des Zuschauers ein, dann kommt es auf Zehntelsekunden nicht an. Auch das Timing zwischen Schnitt, Bild und Ton spielt eine immense Rolle.

BZ: Welche Projekte würden Sie gerne noch machen?
Buchwald: Persönlich würde ich gerne mehr und auch außerhalb von Freiburg dirigieren. Vielleicht etwas mehr komponieren und einfach weiter machen. Ein Traum ist die Orgelbegleitung von "La Passion de Jeanne d’Arc" im Münster.

Günter A. Buchwald (Jahrgang 1952) studierte an der Musikhochschule Freiburg. Als Geiger, Pianist, Dirigent und Komponist ist er seit vier Jahrzenten in der internation alen Stummfilsszene tätig. Er lebt in Freiburg.
Jubiläumskonzert: Carte blanche, 17. März, 19.30 Uhr, Kommunales Kino, Freiburg.
von Alexander Dick
am Fr, 09. März 2018 um 19:26 Uhr

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