Am Abend des 12. Mai 2024, nach ihrer Dankesrede für den Droste-Förderpreis im Neuen Schloss Meersburg, macht Katharina Mevissen eine frappierende Entdeckung: Am Seiteneingang des Gebäudes liest sie auf einer Tafel von der Nutzung der Bischöflichen Barockresidenz am Bodensee u.a. als „Fräulein-Institut, nationalsozialistische Reichsfinanzschule und Taubstummenanstalt“. Ausgehend vom überholten Begriff „Taubstummenanstalt“ beginnt Mevissen eine Recherche zur Einrichtung, die in ihrer 72-jährigen Geschichte mehrfach „verlegt“ wurde. Im Landesarchiv stößt sie auf 33 Ergebnisse für den Standort Freiburg, 57 für Karlsruhe: „Bestände, die zur Sprache gebracht werden müssten ... Hätte ich eine andere Ansprache geschrieben, hätte ich früher davon gewusst? Ich glaube: ja.“ Diese unerhörte Rede erklingt zum Abschluss des 40. Freiburger Literaturgesprächs und zum Auftakt der neuen Literaturhaus-Reihe „Laut werden“. Wer spricht, wer wird gehört, wem geben wir unsere Stimme? Welche Narrative setzen sich durch, welche Geschichten bleiben unerzählt, wie verständigen wir uns? In Fragen des Hörens und Nichthörens offenbaren sich die Nahtstellen unserer Demokratie, politische Mechanismen von Macht und Verletzlichkeit, Widerstand und Teilhabe. Ein Vormittag für hörendes und Taubes Publikum, in deutsche Gebärdensprache gedolmetscht von Barbara Herold und Yvonne Weichsel.
Natascha Gangl, Christian Dierstein: Da Sta Lesekonzert
Der Titel von Natascha Gangls Text „Da Sta“, mit dem sie 2025 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewann, bedeutet auf Südoststeirisch „Der Stein“, auf Slowenisch „Ja, sie sind“. In ihrer Heimat in der Steiermark treffen die Grenzen Österreichs, Ungarns und Sloweniens aufeinander - und mit ihnen drei Sprachen. Die Menschen und ihre Worte haben sich eingeschrieben in den Boden, sie steigen förmlich auf, sobald jemand darauf tritt, stehen im Raum, sofern man genau hinhört. So wie Natascha Gangl in ihrer akustischen Recherche, die sprachlich virtuos den Spuren eines NS-Verbrechens folgt, das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hier verübt wurde. Die Erzählerin geht dem Geheimnis eines privat errichteten Gedenksteins im Wald nach, stellt Fragen zu Erinnern und Vergessen, arbeitet mit Field Recordings und Interviews - und bricht mit dem Schweigen auch den Klang der Sprache auf. Hören, Schreiben, Sprechen sind für Gangl eine Einheit. Ihre Texte verbinden Dialekt, Mehrsprachigkeit und rhythmische Sprachkomposition zu akustischen Erzählräumen, ihre Leseperformances sind ein Erlebnis. Heute bekommt diese vielschichtige Literatur im Zusammenspiel mit dem Perkussionisten Christian Dierstein (Ensemble Recherche) eine weitere klangliche Dimension.
Förderer: Kulturamt der Stadt Freiburg, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau, Guzzoni-Federer-Stiftung, Deutsche Pfandbriefbank Kooperationspartner: Theater im Marienbad, Buchhandlung jos fritz Kulturpartner: SWR Kultur