Das Drehbuch steht im Vordergrund

TICKET-INTERVIEW: Der Schauspieler Liam Neeson über seinen neuen Film "The Commuter".

Viele Schauspieler wirken auf der Leinwand größer, als sie sind. Nicht Liam Neeson. Der gebürtige Ire ist mit einer Körpergröße von 1,93 Metern eine stattliche Erscheinung. Ihm traut man zu, dass er sich zu wehren weiß. Auch in seinem neuesten Film ist das der Fall: In dem Thriller "The Commuter" geht es bei einer zunächst routinemäßigen Zugfahrt heftig zur Sache. Mit Liam Neeson sprach Markus Tschiedert.

Ticket: Mit keinem Regisseur haben Sie so oft zusammengearbeitet wie mit dem Spanier Jaume Collet-Serra. "The Commuter" ist nach "Run All Night", "Non-Stop" und "Unknown Identity" bereits Ihr vierter gemeinsamer Film...
Neeson: Wir arbeiten nun mal gern zusammen. Jaume und ich hatten das erste Mal miteinander zu tun, als wir in Berlin "Unknown Identity" drehten, und wir verstanden uns auf Anhieb. Hinzu kommt, dass Jaume ein großartiger Kinoregisseur ist. Dafür lebt er, und er hat den fertigen Film immer schon im Kopf, bevor er loslegt. Das ist eine Qualität, die rar geworden ist, besonders im Actionkino.
Ticket: Besteht nicht gerade in diesem Genre oft die Gefahr, sich zu wiederholen?
Neeson: Wir beginnen immer damit, uns eine Situation zu überlegen, in die sich jeder durchschnittliche Mensch hineinversetzen kann. Der Zuschauer muss das Gefühl bekommen, das könnte ihm auch passieren. Schon hat man eine Figur, mit der man sich identifizieren kann und die glaubwürdig erscheint. Ich spiele in "The Commuter" also keinen Superhelden.
Ticket: Aber Sie sind ein Superstar und sicherlich kein durchschnittlicher Typ. Oder doch?
Neeson: Sie würden sich wundern, was für ein durchschnittliches Leben ich führe. Ich gehe ganz normalen Hobbys nach wie Fliegenfischen und Bücherlesen. Ehrlich, ich bin gern und oft für mich allein. Man könnte sagen, ganz schön langweilig (lacht).
Ticket: Als junger Mann waren Sie gewiss ganz anders. Sie haben mal geboxt und sich dabei sogar die Nase gebrochen...
Neeson: Das ist sogar noch länger her. Als Kind habe ich mich als Boxer versucht, hin und wieder trainiere ich noch, aber ich würde mich nicht mehr in den Ring begeben.
Ticket: Als Actionheld teilen Sie aber noch gern Schläge aus. Ihre Erfahrungen als Boxer sind dabei sicherlich noch sehr hilfreich...
Neeson: Das stimmt natürlich. Dennoch steckt harte Arbeit dahinter, einen Actionfilm wie "The Commuter" zu drehen. Ich arbeite gern mit dem Stuntkoordinator Mark Vanselow zusammen, mit dem ich schon 19 Filme gedreht habe. Viel geredet werden muss dabei nicht. Mir wird gesagt, was zu tun ist und welche Position ich einzunehmen habe, und daraus entwickelt sich dann alles.
Ticket: Kürzlich sagten Sie, Sie werden Actionfilme bis zum Ende Ihrer Tage drehen. Ist diese Aussage als Mittsechziger nicht etwas gewagt?
Neeson: Das war eine gedankenlose Bemerkung von mir, als ich im letzten Jahr auf dem Filmfestival in Toronto auf mein Alter angesprochen wurde und ob ich nicht langsam zu alt für Actionfilme werde. Die Presse hatte sich darauf gestürzt, und ich habe irgendwie darauf reagiert.
Ticket: Sie genießen als Actionheld immer noch hohes Ansehen – sogar beim jungen Publikum...
Neeson: Das ist doch großartig.
Ticket: Liegt es daran, dass man heute dem Jugendwahn nicht mehr verfallen ist?
Neeson: Ich bin jetzt 65, als wir "The Commuter" drehten, war ich 64, und ich würde sagen, dass ich nicht versuche, in meinen Kampfszenen wie ein 35-Jähriger zu wirken. Ich könnte mir vorstellen, dass das authentischer wirkt und genau deshalb so gut beim Publikum ankommt.
Ticket: Realitätsnähe ist Ihnen also wichtig?
Neeson: Ich denke schon. Ich mache nicht alle Stunts selbst, aber meine Kampfszenen drehe ich immer selbst. Solange ich dazu noch in der Lage bin, werde ich das weiter machen.
Ticket: Zuletzt sah man Sie im Kino in "The Secret Man" als früheren FBI-Vizepräsidenten Mark Felt. Bedeuten Ihnen solche anspruchsvollen Rollen nicht doch mehr?
Neeson: Da gibt es sicherlich Unterschiede. Mark Felt war jemand, der wirklich existierte. Da muss man versuchen herauszufinden, wer dieser Mann eigentlich war. Für mich steht immer das Drehbuch im Vordergrund und nicht das Genre. Im Fall von "The Secret Man" war ich vom Drehbuch sehr angetan. Die 70er Jahre um Präsident Richard Nixon und die Watergate-Affäre finde ich absolut faszinierend.
Ticket: Inzwischen haben auch Sie sich in Serien ausprobiert. Kommt man als Schauspieler heutzutage gar nicht mehr drum herum, neben Kino auch Serien zu drehen?
Neeson: In Amerika arbeiten gerade die besten Schreiber für Serien. Natürlich hat man für eine Serie, selbst wenn es nur eine Miniserie von acht bis zehn Stunden ist, mehr Zeit, um Charaktere und Situationen zu entwickeln. Für einen Kinofilm hat man vielleicht zwei Stunden zur Verfügung. Natürlich ist es für einen Schauspieler sehr attraktiv, eine Figur in einem längeren Zeitrahmen auszufüllen.

von tsc
am Fr, 12. Januar 2018

Info

The Commuter

Regie: Jaume Collet-Serra.
Mit Liam Neeson, Vera Farmiga, Patrick Wilson, Sam Neill, Elizabeth McGovern u. a. 105 Min., frei ab 12.
Die Story
Jeden Morgen fährt der Makler Michael MacCauley (Liam Neeson) mit dem Zug nach Manhattan. Diesmal verstrickt ihn eine Fremde in ein Gespräch. Sie lockt Michael mit einer hohen Belohnung, wenn er einen bestimmten Passagier ausfindig macht. Weigert er sich, steht das Leben seiner Familie auf dem Spiel.  

Autor: bz


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