"Ich lerne immer noch"

TICKET-INTERVIEW: Der Schauspieler Derek Jacobi über seinen Beruf, das Alter und den Orient-Express.

Auf Englands Bühnen gehört er zu den renommiertesten Shakespeare-Darstellern, doch auch auf der Leinwand war Derek Jacobi (79) in vielseitigen Rollen zu erleben. Einer seiner größten Verehrer ist Kenneth Branagh, der seinen Landsmann für seine Shakespeare-Verfilmungen vor die Kamera holte und jetzt für das Remake von Agatha Christies "Mord im Orient-Express". Markus Tschiedert traf Derek Jacobi zum Interview.

Ticket: Sie haben mehrfach unter Kenneth Branaghs Regie gearbeitet. Was verbindet Sie mit ihm?
Jacobi: Ich verehre Kenneth, kenne ihn seit seinem 18. Lebensjahr. Ich stand damals als Hamlet in London auf der Bühne, er bat mich um ein Interview für seine Schülerzeitung. Er interviewte mich, und am Ende sagte er, eines Tages wird er Hamlet spielen. Ich antwortete nur: viel Glück! Er hat es wahr gemacht, und der Rest ist Geschichte.
Ticket: Wann trafen Sie sich auf professioneller Ebene wieder?
Jacobi: Als er Hamlet das erste Mal auf der Bühne spielte. Denn ich war der Regisseur. Dann sagte er, er würde "Hamlet" eines Tages verfilmen und mich als Claudius besetzen – auch das passierte. Ich denke, Kenneth ist ein Genie, und es ist enorm, was er leistet. Wir haben viele gemeinsame Theaterprojekte wie zuletzt "Romeo & Julia" gestemmt, und drehten vier oder fünf Filme. Wir sind uns also sehr nah.
Ticket: Nun kommt Branaghs Version von "Mord im Orient-Express" ins Kino. Wie war es, den Butler von Johnny Depp zu spielen?
Jacobi: Das war gut, auch wenn wir anfangs etwas besorgt waren, als Johnny Depp ankam und das Sicherheitsaufkommen erhöhte. Das hatte was von einer ungeheuren Wichtigkeit, aber es zeigte sich, dass Johnny ein sehr netter Bursche ist. Wir drehten eine Szene, in der er mich anbrüllen musste. Johnny drehte sich zu Kenneth und meinte: "Ich kann doch nicht Derek Jacobi anschnauzen." Damit war das Eis gebrochen.
Ticket: Es gibt sicher noch viel mehr Kollegen, die Sie ob Ihrer Erfahrungen und Weisheit verehren.
Jacobi: Zwar bin ich inzwischen alt, aber nicht weise. So sehe ich mich zumindest, weil ich immer noch lerne. Aber das gehört zu meinem Beruf. Schauspieler müssen immer etwas kindisch bleiben, und dieses Privileg beanspruche ich auch für mich.
Ticket: Wie blicken Sie auf Ihre Karriere zurück?
Jacobi: Ich sehe darauf wie auf ein großes Bild, und es erscheint mir immer etwas merkwürdig, wenn ich zurückschaue, wie alles anfing. Meinen ersten professionellen Auftritt hatte ich 1960, und es erscheint mir wie ein langer Weg, nun schon über 50 Jahre dabei zu sein. Ich kann mich glücklich schätzen, während dieser Zeit fast immer besetzt worden zu sein – und das in einem Beruf, in dem 85 Prozent permanenter Arbeitslosigkeit ausgesetzt sind. Ich schaue auf eine Karriere zurück, die mich wachsen und wunderbare Dinge erfahren ließ. Was ich besonders schätze: Man reist viel, lernt die Welt kennen.
Ticket: "Mord im Orient-Express" ist auch ein Reisefilm. Wo wurde überall gedreht?
Jacobi: Wir drehten alles in Surrey, einer Grafschaft in Südengland. Dort ist ein neues Aufnahmestudio entstanden. Am Ende wurde noch eine Woche auf der Insel Malta gedreht. Aber fast alles andere wurde im Studio gedreht, und die Filmsets sahen wirklich phantastisch aus.
Ticket: Schade, dass Sie die Reise im Orient-Express dann nicht wirklich unternehmen konnten...
Jacobi: Das stimmt, aber Kenneth hatte die Tour zur Vorbereitung mitgemacht. Die meisten Leute, die mal mit dem Orient-Express gefahren sind, sagten mir, dass man nach zwei Tagen schon genug hat.
Ticket: Ihr Vater hatte einen Süßwaren- und Tabakladen. Wie kam es, dass Sie Schauspieler werden wollten?
Jacobi: Meine Leidenschaft kam wahrscheinlich durchs Spielen auf der Straße mit anderen Kindern. Ich verkleidete mich gern und spielte gern kleine Szenen nach. Das erschien mir als was völlig Normales, als hätte es immer in mir gesteckt.

von tsc
am Fr, 10. November 2017


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