Schauspiel

Interview mit Regisseur Christoph Frick zum Schauspiel "Ein Volksfeind" am Theater Freiburg

Ticket-Interview: Christoph Frick über seine Inszenierung von Ibsens "Volksfeind" am Theater Freiburg.

Henrik Ibsens Fünfakter "Ein Volksfeind" von 1882 hat, wie es scheint, an Aktualität nichts verloren. Es geht um eine politischen Kernfrage: Wie viel Wahrheit verträgt ein Gemeinwesen, wenn sie ihm ökonomisch schadet? Christoph Frick inszeniert das Stück am Freiburger Theater. Bettina Schulte sprach mit ihm.

Ticket: Herr Frick, der Untertitel Ihrer Inszenierung lautet: "Ein Schauspiel von Arthur Miller nach Henrik Ibsen". Das verwirrt mich. Was hat der Autor von "Tod eines Handlungsreisenden" mit dem norwegischen Dramatiker zu tun?
Frick: So spannend ist das nicht. Wir suchten eine passende Übersetzung und stießen über Umwege auf die von Arthur Miller. Die Copyright-Bestimmungen schreiben uns vor, ihn zu nennen.
Ticket: Ist es denn tatsächlich "nur" eine Übersetzung? Oder hat Miller Eigenes hineingebracht?
Frick: Es ist eine Bearbeitung, wie ein Regisseur sie machen würde. Die McCarthy-Ära ist Folie für Miller. Amerika taucht bei Ibsen als das Land der besseren Umstände auf. Zu seiner Zeit war es genau umgekehrt.
Ticket: Miller hat die Gewichte nicht so verschoben, dass man sagen müsste, es ist mehr Miller drin als Ibsen?
Frick: Miller hat den Konflikt der Brüder Stockmann – Arzt und Aufklärer gegen Bürgermeister – stärker in den Fokus gerückt. Er hat für innerfamiliäre Konflikte eine sehr gute Hand. Beim Volksfeind werden wir Zeuge der Eskalation eines Konflikts, deren Ausmaß keiner ahnte – und der aus einer privaten in eine gesellschaftliche Dimension hineinwächst. Das hat Miller interessiert.
Ticket: Was interessiert Sie am "Volksfeind"?
Frick: Zunächst fragt man sich: Warum dieses Stück und warum heute? Was soll ein Ökostück aus dem 19. Jahrhundert, in es keine richtigen Frauenrollen gibt?
Ticket: Eine legitime Frage.
Frick: Dann tastet man das Stück ab, zunächst auf die Möglichkeit der Aktualisierung. Ich merkte schnell, dass ich dazu keine Lust hatte.
Ticket: Mit Aktualisierung meinen Sie den Zuschnitt auf heutige Verhältnisse?
Frick: Ich hatte keine Lust zu behaupten, dass dieser Text heutigen medialen und politischen Rahmenbedingungen entspricht. Ich sehe große Unterschiede. Also haben wir uns entschieden, ihn in einem stilisierten 19. Jahrhundert zu lassen, mit einer geschlossenen Gesellschaft, wie es sie heute nicht mehr gibt, und den Kostümen der damaligen Zeit, angelehnt an Ibsen selbst mit seinem riesigen Backenbart. Das war für mich der Befreiungsschlag.
Ticket: Wo sehen Sie den Unterschied zwischen Ibsen und uns?
Frick: Das ist nicht einfach zu erklären. Ibsen hat sehr modellhaft geschrieben. Viele Figuren sind Funktionsträger, die Psychologie ist nur bei den Hauptfiguren ausdifferenziert. Es wirkt realistisch, ist es aber nicht. Das ist das Tolle, aber auch das Schwierige, dass man nicht auf Karikaturen verfällt. Heute ist alles komplexer, gerade auch in den Medien. Es ist außerdem bei Ibsen eine Gesellschaft, in der das Wissen um die Gefährlichkeit von Bakterien noch nicht verbreitet war.
Ticket: Die Gefahr, die wir heute auf den ersten Blick erkennen, war damals noch nicht bewusst?
Frick: Ein Bürgermeister hat bei Ibsen das gute Recht zu sagen: Ich glaube nicht, dass das Wasser verseucht ist.
Ticket: Ich greife das Stichwort "Modell" noch einmal auf: Sie sind aber schon der Meinung, dass die Bereitschaft zur Vertuschung eines Skandals, von der Ibsen handelt, auch für heutige Politik gilt?
Frick: Gerade weil wir kein Stück über Snowden, Fracking oder die NSA machen, springt die Thematik doch ins Auge.
Ticket: Und wie sieht die Thematik in ihrer Sicht konkret aus?
Frick: Das Stück ist heftig kritisiert worden. Man vermisste Veränderung. Die Figuren machen weiter wie bisher. Stockmanns Umgebung kann sich kein anderes Handlungsmotiv als persönlichen Profit vorstellen. Deren Leitfrage ist: Wie viel Haltung kann ich mir leisten? Diese Gesellschaft ist nicht in der Lage, eine zweite Stimme zu verarbeiten. Nach Thomas Stockmanns Rückzug herrscht Eindimensionalität – mit einem Mantra heutiger Politik: Alternativlosigkeit.
Ticket: Ist der Volksfeind ein Volksfeind?
Frick: Er wird einer, wenn er am Ende sagt: Die Minderheit hat recht, nicht die Mehrheit. Das Mitläufertum ist für ihn eine Macht, die Fortschritt und Wahrheit verhindert. Taugt die Mehrheit in zugespitzten Situationen für eine Entscheidung? Diese Frage wird gestellt.
Ticket: Finden Sie, dass "Ein Volksfeind" ein gutes Stück ist?
Frick: Ein gutes Stück ist für mich ein Partner, mit dem ich mich immer wieder auseinandersetzen muss. Der Volksfeind ist ein guter Partner.

Termine: Freiburg, "Ein Volksfeind", Theater, Großes Haus, Premiere: Sa, 9. Mai, 19.30 Uhr; weitere Aufführungen: 13., 17., 23. Mai, 4., 16. Juni, 3., 11. und 24. Juli, jeweils 19.30 Uhr; Info:

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von bs
am Mi, 06. Mai 2015

CHRISTOPH FRICK

wurden 1960 in Tuttlingen geboren. Seit 1991 entwickelt er mit seiner freien Theatergruppe KLARA in Basel eigene Stücke und inszeniert an Staats- und Stadttheatern. Von 2006 bis 2009 war er Hausregisseur am Theater Freiburg und inszenierte und anderem "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", "Bettleroper" "Der Besuch der alten Dame", "Elementarteilchen" und "Melting Pot".  

Autor: BZ


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