Saša stanisic

LESESTOFF: Biografisch und politisch

Was macht den Unterschied aus, wenn eine alte Frau ihr Gedächtnis und die Erinnerungen verliert und sich ein junger Mann in das Kind hineinversetzt, das er einmal war? Saša Stanišics neues Buch "Herkunft", das ganz ohne Gattungsbezeichnung auskommt, beginnt damit, dass die an Demenz erkrankte Oma des Ich-Erzählers auf der Straße ihren eigenen Namen ruft. Es ist Anfang März letzten Jahres, ein gutes halbes Jahr später ist sie tot. Ähnelt der erzählerische Kniff des Autors dem Weg der alten Frau zurück in die Kindheit? Wir wissen es nicht.

Was man jedoch wissen kann, ist dass der 1978 in Višegrad geborene Stanišic beim Erzählen einen Einblick gibt, wie er erzählt. Seine Prosa klingt oft, als sei sie dahingeplaudert, ist jedoch komponiert und im Fall von "Herkunft" auch das Ergebnis eines experimentellen Erzählens. Stanišic erdichtet in diesem Text Autobiografisches zu symbolhaften Bildern, schweift ab und lässt doch durchblicken, dass Literatur niemanden am Leben hält. Die Familie als Wimmelbild. Am Ende ist die Großmutter gestorben und die Leser sind in einen Berg eingedrungen, der einem Labyrinth gleicht, in dem manch Erzählfaden gekappt wird. Man darf sich nicht wundern, wenn hier anstelle des Minotaurus ein Drache wartet. Das Fabelwesen aus der Fantasy-Welt, im Text trifft man es auch als Gegner des heiligen Georgs, als Hornotter und als Dinosaurier-Ausmalbuch für den Sohn. Es ist Kindheitserinnerung und Symbol nationalistischer Ideologie.
In diesem letzten Teil überträgt Saša Stanišic das Prinzip der Choose-your-own-Adventure-Kinderbücher vollends auf die Prosa. Der Leser kann sich seinen Weg aus verschiedenen Möglichkeiten suchen und blättert mal vor, mal zurück. Ganz ähnlich wie aktuell in der interaktiven Netflix-Episode "Bandersnatch". Bei Stanišic ist dies durch die Erfahrung geprägt, dass Biografien von Zufällen abhängig sind. Zusammen mit seiner Mutter floh der Sohn eines Serben und einer Bosnierin 1992 aus seiner Heimatstadt nach Heidelberg. "Herkunft" ist auch ein Text über die Schwierigkeit und das Glücken einer Ankunft. Doch "müssten wir jetzt fliehen, wären also die Zustände an den Grenzen 1992 so restriktiv gewesen wie an den EU-Außengrenzen heute, würden wir Heidelberg nie erreichen. Die Reise wäre vor einem ungarischen Stacheldrahtzaun zu Ende". Herkunft, das macht dieser kluge und zugleich so verspielte Text, deutlich, ist zu komplex, um sie den Populisten zu überlassen. Annette Hoffmann

Saša Stanišic, Herkunft, 360 Seiten, München 2019, Luchterhand, 22 Euro.
Lesung: 28. März, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Freiburg, Bertoldstraße 17, Freiburg, ausverkauft.
von Annette Hoffmann
am So, 24. März 2019


Badens beste Erlebnisse