Interview

Sascha Flocken inszeniert „89/90“ am Theater Freiburg

TICKET-INTERVIEW: Sascha Flocken über "89/90" am Theater Freiburg.

Den Blick auf die Geschichte der Einheit um neue Perspektiven erweitern – das könnte möglich sein mit Sascha Flockens Inszenierung des Romans "89/90", mit dem sich der studierte Politikwissenschaftler und Theaterregisseur in die Debatte um 30 Jahre Wiedervereinigung einbringt.

Ticket: 30 Jahre Mauerfall – Sie inszenieren einen Wenderoman. Warum fiel die Wahl auf "89/90" von Peter Richter?
Flocken: Ich habe den Roman vor einem Jahr gelesen, kurz nach den Ausschreitungen in Chemnitz und mir gedacht: Also irgendwie lese ich über jetzt gerade.
Ticket: Wieso dachten Sie das?
Flocken: In dem Roman beschreibt Richter die Demonstrationszüge in der DDR und dass sich damals schon Neonazis untermischten. Die Forderung nach Freiheit wurde teilweise patriotisch und schließlich nationalistisch unterwandert. Diese Dynamik fand ich spannend. Dazu kommt der Blick auf die Geschichte der Einheit aus der sehr subjektiven, manchmal zynischen Perspektive eines 16-jährigen Punks, der in den Erzählungen über sein Leben plötzlich Weltpolitik verhandelt. Es entsteht ein anderer Blick auf die Geschichte der Einheit. Der Roman kann ein Puzzlestein dabei sein, andere Kontinuitätslinien von damals ins Heute zu erkennen.
Ticket: Liegt der Fokus also auf Rechtsextremismus während der Wendezeit?
Flocken: Auch. Der Erzähler des Romans sagt ganz klar: Es gab damals schon Nazis in der DDR, auch wenn das wegen des antifaschistischen Dogmas geleugnet wurde. Es geht aber auch um eine generelle Wendeverklärung. Richter schreibt, dass die Leute auf D-Mark und Westprodukte viel geiler waren als auf Selbstbestimmung und Demokratie. Es geht um die Frage, in welcher Welt wir leben wollen, in welcher Welt die Menschen damals leben wollten: Was ihnen versprochen wurde und was das neue – kapitalistische – System halten konnte.
Ticket: Ein politischer, gesellschaftskritischer Ansatz ist Ihnen in ihren Stücken wichtig, oder?
Flocken: Ja, das ist das, was mich an Theater interessiert: Nicht nur Gefühlswelten, sondern auch gesellschaftliche Zusammenhänge zu beschreiben. Theater ist fast immer politisch – kann gar nicht anders, weil es ja die Welt beschreibt. Dann ist es nur eine Frage des Fokus.
Ticket: Die Bühnenfassung des 400-seitigen Romans haben Sie selbst geschrieben. Wie sind Sie vorgegangen?
Flocken: Ich behalte den Hauptstrang bei. Der Handlungsbogen zieht sich vom jugendlichen Alltag in der DDR bis zur Annexion durch den Kapitalismus. Es sind zwangsläufig auch spannende Figuren weggefallen, die wir nicht ausreichend auf der Bühne hätten repräsentieren können.
Ticket: Gibt es einen Erzähler?
Flocken: Ja, aber wir spalten ihn auf in drei Schauspielerinnen und Schauspieler, um verstärkt von einer bestimmten Gruppe erzählen zu können. Die Erzähler begeben sich gemeinsam auf eine Art Erinnerungsreise.
Ticket: Wie findet diese Erinnerungsreise statt?
Flocken: Wir beginnen ganz allgemein zu erzählen, was so im Sommer 1989 passierte. Dann wird es schauspielerisch konkreter, ohne Illusionstheater zu werden. Es bleibt eine theatrale Verhandlung mit dem Außen – eine Erzählung, bei der die emotionale Beteiligung immer weiter zunimmt, man sich dann aber doch wieder herauszieht und noch mal kommentiert, überlegt, zögert und schließlich wieder eintaucht. Das ist hoffentlich auch die Reise, die das Publikum dann mitmacht.
Ticket: Mit welchen theatralen Mittel setzen Sie das um?
Flocken: Im Roman spielt Musik eine große Rolle, das haben wir übernommen. Ein Musiker begleitet das Stück mit atmosphärischen Sounds. Und unsere Schauspielerinnen und Schauspieler sind sehr musikalisch – gemeinsam mit dem Musiker springen sie in Bandrollen und singen Chorlieder, teilweise zusammen mit den 18 Jugendlichen, die im Stück mitwirken. Manchmal sind sie auch eine Punk-Band. Ich weiß nicht, wie oft man schon Posaune in Punksongs gehört hat (lacht). Insgesamt reicht die Musik von krassesten DDR-Underground-Punksongs über FDJ-Liedgut und Phil Colins bis zu hin zu Techno. Es geht immer auch um einen Geschmack und die Einordnung: Mit dem Lied "Die Partei hat immer Recht" ist total klar, in was für einem System man sich bewegte.

Termin: "89/90", Theater Freiburg, Kleines Haus. Premiere: Freitag, 11. Oktober, 19 Uhr.

von bz
am Fr, 04. Oktober 2019

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