Von Kilos, Kilo- und Höhenmetern

Radfahren mit Genuss: Eine besondere Tour führt von Staufen aus durch idyllische Winzerdörfer und Reben.

Wer mit dem Fahrrad durch das hügelige Markgräflerland fahren will, sollte sich fragen, wie viele Gänge es wohl braucht: Mit dem minimalistisch-hippen Single-Speed, also einem Ein-Gang-Rad, kommt man sicher nicht weit. Sollten es also eher die typischen 20 Gänge eines Rennrads oder 24 Moutainbikegänge sein? Wir jedenfalls haben heute Großes vor: Zwei Frauen auf Tour, mit ganzen vier Gängen durch das Markgräflerland.

Den ersten Gang legen wir an unserem Startpunkt in Staufen ein, es geht über den belebten Marktplatz direkt zum Café Schwarzwaldschön. Dort kommen wir nicht etwa so richtig in Fahrt, sondern schalten erst einmal einen Gang zurück: Frühstück ist angesagt. Im hübsch bunten Café lässt es sich unterm Pop-Art-Gemälde mit röhrenden Hirschen gemütlich sitzen, wir bestellen und breiten unsere Karten aus: Von Staufen aus soll es durch Winzerdörfer und Weinberge ordentlich hügelig bis nach Müllheim gehen, dort wartet der zweite Gang in Form einer Vorspeise auf uns. Noch mehr Kilo- und Höhenmeter werden sich dann bis Heitersheim ansammeln. Und nachdem wir sicherlich jede Menge Kalorien verbrannt haben werden, lassen wir uns dann in der Malteserstadt den dritten, den Hauptgang, munden, ehe wir entspannt mit leichtem Gefälle nach Staufen zurückrollen wollen – und zum Abschluss ein Eis schlecken. Soweit der Plan.

Dank fluffig-knusprigem Croissant samt Kaffee sind die Speicher gut aufgefüllt. Entspannt nehmen wir die ersten Kilometer unter die Räder, lassen Grunern links liegen, fahren durch Ballrechten und schließlich immer am Fuße des Castellbergs entlang. Steile Rebhänge werden dort, wo schon seit mehr als 1000 Jahren Wein angebaut wird, von historischen Trockenmauern im Zaum gehalten, und mit den sattgrünen Schwarzwaldbergen direkt vor der Nase fahren wir in Sulzburg ein. Wir lassen es laufen bis nach Laufen, touren in stetem Auf und Ab durch Reben und schnuckelige Winzerdörfer. Fast jeder Ort kann mit einer stattlichen Kirche auftrumpfen, mit historischen Gehöften und blumenbehangenen, schmucken Einfamilienhäuschen, und so ist nach kurzweiligen 16 Kilometern mit Müllheim der nächste Pausenort schnell erreicht.

Mit dem zweiten Gang, der Vorspeise, werden wir im Alten Spital essenstechnisch verarztet. Vor dem historischen Gemäuer des einstigen Spitals, mit der Sonne im Gesicht und einer leckeren Vorspeisenauswahl auf dem Teller, sind wir uns einig: Diesen Gang hat es auf jeden Fall gebraucht – umso mehr, weil nach dem Päuschen bereits neue Herausforderungen warten: Zwölf Kilometer ist die nächste Etappe lang, die in Hügelheim in zwar schönes, aber ordentlich ansteigendes Gelände führt.

Ist das nicht die falsche Himmelsrichtung? Sind wir überhaupt noch richtig? Ja, wir sind – und stellen bald fest, dass sich der Schlenker durch das abgelegene, hügelige Reben- und Wiesengelände lohnt: Mächtige Lösswände und ein Hohlweg tun sich auf, wie man ihn sonst nur vom Kaiserstuhl kennt. Kurze, giftige Anstiege wechseln mit Abfahrten, die schnell die Mühen wieder vergessen machen. Ort um Ort und Buckel um Buckel kurbeln wir uns Richtung Heitersheim, durch Buggingen mit schmuckem Fachwerk, durch Betberg mit den charmanten Vorgärten vor den kleinen Einfamlienhäuschen.

Der dritte Gang, die Hauptspeise, erwischt uns nach den beiden Pausen davor nicht mehr vollkommen ausgehungert. Trotzdem unwiderstehlich wird sie in der Gartenwirtschaft des Restaurants Ox aufgetischt. Anschließend halten wir uns die Bäuche: Waren das mittlerweile nicht mehr Kilos als Kilometer? Und wie sollen wir überhaupt den vierten und letzten Gang noch schaffen? Um das zu beantworten, braucht es Zeit, Rad – und ein Verdauungsschläfchen, das wir uns im Heitersheimer Römerpark gönnen. Der ehemalige Gutsherrensitz, die Villa urbana, ist nicht nur eine tolle Kulisse, sondern präsentiert Funde aus der Römerzeit.

Die letzten Kilometer nach Staufen sind bald geschafft und während des Desserts in der Eisdiele Kalte Sophie ziehen wir Bilanz: Vier Gänge sind genau richtig, keinen mehr und keinen weniger braucht’s im Markgräflerland.

von anfe
am Di, 23. Mai 2017


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